Ominöse Plakate werben für Kirchenaustritte
14.04.2010 | 20:58 Uhr 2010-04-14T20:58:00+0200
Berlin/Marktheidenfeld. Eine ominöse Plakatkampagne wirbt deutschlandweit für Kirchenaustritte und hebt auf den Missbrauchskandal der Katholischen Kirche ab. Die Evangelische Zentrale für Weltanschauungsfragen vermutet eine Sekte hinter der Aktion.
Die Botschaft dürfte manchem Kirchenkritiker aus dem Herzen sprechen: „Kirchenskandale ohne Ende: Jetzt reicht“s! Kirchenaustritt jetzt!“ steht derzeit in großen Lettern auf Dutzenden Plakatwänden in ganz Deutschland. Darunter ist in kleiner Schrift von „Schwerverbrechen“ an unschuldigen Kindern, dem „unermesslichen“ Reichtum der Kirche die Rede, ferner wird für eine Austritts-Hotline geworben. Die Kirchen sehen die Kampagne mit großer Sorge - und zwar nicht in erster Linie aus Angst vor einer Austrittswelle, sondern weil die Plakataktion aus dem Umfeld der Sekte „Universelles Leben“ komme.
Nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin hängen deutschlandweit derzeit schätzungsweise 300 bis 400 dieser Großplakate. Das Plakat sei in den verschiedensten Gegenden Deutschlands gesehen worden, „von Süden bis Norden“, sagt EZW-Spiritismus-Experte Matthias Pöhlmann.
„Universelles Leben“ streitet Beteiligung ab
Als Urheber führt das Plakat „Freie Bürger für Anstand und ethische Werte“ an. Dahinter stecken laut Pöhlmann Einzelpersonen, die alle Unterstützer des „Universellen Lebens“ seien. In der unterfränkischen Zentrale der Sekte streitet man eine Beteiligung dagegen ab: „Das „Universelle Leben“ hat keine Plakataktion“, heißt es auf Anfrage. Und bei der Austritts-Hotline kann oder mag am Mittwochnachmittag niemand nähere Auskünfte über die Kampagne geben.
Pöhlmann beklagt, die Plakataktion versuche, die Missbrauchsskandale in den Kirchen zu instrumentalisieren. Viele Menschen seien jetzt verunsichert, und die Kirchen hätten Glaubwürdigkeitsprobleme. Die Menschen müssten sich aber vor einem Anruf bei der Austritts-Hotline klar machen, wer die Initiatoren der Kampagne seien. „Die Ideologie des „Universellen Lebens“ ist sehr problematisch, weil sie auch Menschen vereinnahmt“, warnt der Experte. Diese Sekte werde aufgrund ihrer vielfältigen und weitverzweigten Initiativen oftmals unterschätzt.
„Skurril und aus der Luft gegruffen“
Die Sekte mit Sitz in Unterfranken folgt laut EZW in Lehre und Praxis den neuen Offenbarungen ihrer „Lehrprophetin“ Gabriele Wittek, die sich als „das größte Gottesinstrument nach Jesus von Nazareth“ verstehe. Obwohl sie sich als „Urchristen“ bezeichneten, lehnten die Anhänger des „Universellen Lebens“ die Bibel ab. Im Jahr 2000 hätten einzelne „Urchristen“ beim Bundesjustizministerium den Antrag gestellt, die Bibel auf den Index jugendgefährdender Schriften setzen zu lassen. Laut Pöhlmann handelt es sich nicht mehr um eine christliche Glaubensgemeinschaft, sondern eher um eine „spiritistische Neureligion“ mit einer „sehr stark vereinnahmenden Ideologie“. Aussteiger berichteten, dass sie sehr starkem Druck ausgesetzt gewesen seien.
Kritisch über die Kampagne äußert sich auch der Sprecher der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. „Die Kampagne der Vereinigung „Universelles Leben“ nutzt einem: der Publicity der Vereinigung“, sagt er. Die Plakataktion sei „überflüssig“ und „die beste Werbung, nicht beim „Universellen Leben“ einzutreten“.
Ein juristisches Vorgehen gegen die „aggressive“ Kampagne hält Pöhlmann nicht für sinnvoll. Schließlich wolle man die „ganze Sache“ nicht „auch noch aufwerten“, sagt er. Pöhlmann ist sich sicher: „Wenn man sich näher mit dem Gedankengut des „Universellen Lebens“ befasst, merkt man, dass das skurril und aus der Luft gegriffen ist.“ (ddp)
14:46
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
07:30
Machen nicht auch umgekehrt die christlichen Staatskirchen Werbung gegen Sekten? Z. B. das ev. Sekteninfo Essen.
Solange diese Sekte mit diesen Plakaten nur Werbung gegen die Kirche und nicht für sich macht, ist die Sache nützlich.
Oder glaubt jemand ernsthaft, dass sich von den christlichen Staatskirchen enttäuschte Menschen deswegen Sekten zuwenden würden?
06:44
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
21:20
Sekte gegen Sekte!?
Ziemlich geschmacklos das ganze.
Wenn jemand austritt aus der der Kirche, so kommt die Entscheidung von innen, ist sicher wohlüberlegt und gefühlt und entspringt sicher keiner Kirchenaustrittswerbung.
Da will der Werber wohl eher auf den Medienzug aufspringen und bekannter werden.
Wer hat die Plakate noch mal machen lassen?