Offene Fragen nach endgültigem Urteil zum "Mord ohne Leiche"

Siegfried K. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, er sitzt im Gefängnis im Kölner Stadtteil Ossendorf ein.
Siegfried K. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, er sitzt im Gefängnis im Kölner Stadtteil Ossendorf ein.
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Was wir bereits wissen
Selten hat ein Fall die Justiz so aufgewühlt wie das Verschwinden einer Philippinin (33) in Köln. Jetzt hat der BGH das letzte Wort gesprochen.

Karlsruhe/Köln.. Im Mittelpunkt dieses rätselhaften Kölner Kriminalfalls steht ein Junge: Zwölf Jahre ist er heute alt. Seine Mutter Lotis ist seit 2007 verschwunden. Die Behörden sind sicher, dass sie ermordet wurde. Aber der Junge kann nicht an ihrem Grab trauern, es gibt keine Leiche. Sein Vater Siegfried wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, er sitzt im Gefängnis im Kölner Stadtteil Ossendorf ein. Dieses Urteil hat der Bundesgerichtshof (BGH) am Dienstag nach jahrelangen Indizienprozessen bestätigt. Aber es bleiben weiter Fragen offen - und selbst der BGH-Richter sagt, man hätte die Indizien auch ganz anders bewerten können.

Dass so vieles unklar bleibt, liegt nicht zuletzt daran, dass die Philippinin Lotis K. einfach verschollen ist. Auch wenn die Ermittler von ihrer Tötung überzeugt sind, gibt es keine Leiche. Vergeblich suchten Fahnder im Niehler Hafen und an anderen Orten nach der Toten.

Er wollte das Kind bei sich behalten

Dennoch wurde Siegfried K. zweimal vor Gericht gestellt. Das Kölner Landgericht gelangte zu der Überzeugung, dass er nach der Trennung von Lotis unbedingt verhindern wollte, dass die Mutter den Jungen auf die Philippinen mitnehmen könnte.

[kein Linktext vorhanden] Der BGH hatte es nicht leicht mit diesem Fall. Vor drei Jahren hatte er ein erstes Urteil des Kölner Landgerichts aufgehoben - weil von der Polizei im Auto von Siegfried K. aufgezeichnete Selbstgespräche rechtswidrig verwendet worden waren. Im zweiten Prozess kam das Landgericht 2013 dann erneut zu dem Ergebnis, dass die Indizien gegen Siegfried K. ausreichen, ihn wegen Mordes zu verurteilen.

Indizien abzuwägen bleibt Sache des Landgerichts

Allerdings wurden seine Schwester und sein Schwager freigesprochen; im ersten Prozess waren sie ebenfalls noch zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie sollen, so befanden die Richter damals, unter einem unerfüllten Kinderwunsch gelitten haben und wollten die Ausreise des Jungen mit allen Mitteln verhindern.

Kriminalität Die Aufgabe des Bundesgerichtshofs bestand nur darin, das Urteil des Kölner Landgerichts auf mögliche Fehler hin zu überprüfen. Bei der Vernehmung eines Zeugen sei die vorgeschriebene Belehrung ausgeblieben, bemängelte der Vorsitzende Richter Thomas Fischer. Aber das sei für das Urteil nicht entscheidend gewesen. Zum Urteil selbst sagt Fischer: "Man hätte auch zu einem anderen Ergebnis kommen können." Aber die Abwägung der Indizien sei Sache des Landgerichts.

"Ein Horrorerlebnis"

"Ich bin erschüttert", sagte der Anwalt von Siegfried K., Christian Lange, nach der Niederlage seines Mandanten im Revisionsverfahren. "Das Gericht sagt, es gibt einen eklatanten Rechtsverstoß, kommt dann aber bei so wenigen Indizien zu dem Ergebnis, dass das Urteil nicht darauf beruht." Dabei komme es auf jedes kleine Indiz an, wenn es keine handfesten Beweise gebe. "Für mich persönlich ist das ein Horrorerlebnis, dass man mit so wenigen Indizien rechtskräftig verurteilt werden kann." Der BGH habe wohl vor allem das Bestreben gehabt, "diesem langen und irrsinnig teuren Verfahren ein Ende zu setzen", sagt Lange.

Zeugensuche Schwerer als Geld aber wiegen in dem Fall die Gefühle der Beteiligten. Der aus Chemnitz stammende Siegfried K. hatte Lotis 1999 in einem Urlaub auf den Philippinen kennengelernt, 2000 geheiratet und nach Köln geholt. Anfang 2002 kam ihr Sohn zur Welt. Aber schon 2005 kriselte die Ehe. Lotis zog in eine eigene Wohnung.

Auch zu den Freisprüchen für Irmgard und Wilfried K. sagt Richter Fischer, "dass man mit einer anderen Beweiswürdigung auch zu einem gegenteiligen Ergebnis hätte kommen können". Da es aber keine Rechtsfehler gegeben habe, seien auch diese Urteile rechtskräftig. Erleichtert umarmt Irmgard K. im Gerichtssaal ihre Anwältin. (dpa)