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Nur Jungen gelten als würdige Nachfahren

12.11.2007 | 07:35 Uhr
Nur Jungen gelten als würdige Nachfahren

Hanoi. Töchter sind nicht willkommen. Nur ein Sohn gilt vielen Familien in Vietnam als würdiger Nachfahre. Die verbreiteten Ultraschall-Untersuchungen, die das Geschlecht eines Embryos früh offenbaren, bedeuten für viele Mädchen ein Todesurteil.

Denn viele Vietnamesen lassen ihre ungeborenen Töchter abtreiben. Ein UN-Bericht stellt nun offiziell fest, was Demographen seit langem befürchten: Das Geschlechterverhältnis bei Neugeborenen hat auch in Vietnam Schieflage bekommen. Wie in China und Indien könnte es dem Land künftig an Frauen mangeln.

Weltweit kommen auf 105 neugeborene Jungen 100 Mädchen. In Vietnam aber stehen 110 Jungen 100 Mädchen gegenüber, in einzelnen Provinzen liegt das Verhältnis sogar bei 120 zu 100. Experten befürchten, dass sich diese Entwicklung im laufenden Mondjahr des Goldenen Schweines noch verschärft. Es gilt im konfuzianisch geprägten Vietnam nämlich als glücksverheißend, in dieser Zeit einen Sohn zu bekommen.

Verlässliche Daten fehlen

Seit langem befürchten Demographen ein Ungleichgewicht bei den Geburten in Vietnam, wo Abtreibungen seit Jahrzehnten erlaubt und weit verbreitet sind. Doch bislang fehlten ihnen landesweite, verlässliche Daten. Nun aber liegt ein Bericht der Vereinten Nationen vor, der sich auf die die jüngste Bevölkerungszählung der kommunistischen Regierung stützt.

Der Bericht bestätigt den beunruhigenden Trend der «verschwindenden Töchter». Demnach werden viele Vietnamesinnen unter Druck gesetzt, einen Sohn zur Welt zu bringen. Zugleich halten die offiziellen Familienplanungs-Programme sie aber dazu an, nicht mehr als zwei Kinder zu bekommen. «Mit Hightech-Ultraschall-Geräten wird das Geschlecht eines Kindes früh entdeckt und der weibliche Embryo kann abgetrieben werden», heißt es weiter.

Gründe liegen in der Geschichte

Die Gründe für den höheren Stellenwert von Söhnen liegen tief in der vietnamesischen Geschichte. Seit jeher sind es dort die Männer, die Haus und Land erben. Sie kümmern sich traditionell um die alternden Eltern, managen ihre Beerdigung und die Gedenkzeremonien an ihrem Todestag. Vor allem auf dem Lande, wo 70 bis 80 Prozent der rund 84 Millionen Einwohner leben, gilt ein Sohn als Voraussetzung für ein glückliches Heim.

Doch die Diskriminierung macht auch vor den Städten nicht Halt. Tran Hanh Linh, eine 30-Jährige aus Hanoi, hat noch die Worte ihrer Schwiegermutter im Ohr, als sie ins Elternhaus ihres Mannes zog. «Jedem, der zu Besuch kam, erzählte sie, dass sie mich wie eine Königin behandeln wird, wenn ich einen Sohn zur Welt bringe. Ich habe mich gefragt, was passieren würde, wenn mein Kind ein Mädchen wird. Würde sie mich rausschmeißen?» Linh bekam vor zwei Jahren einen Jungen und rettete damit den Familienfrieden.

Bei der 33 Jahre alten Thao lief es anders. Ihre konservativen Schwiegereltern wollten nach einer Enkelin unbedingt einen Enkel und setzten sie unter Druck. «Auch mein Mann war besessen von dem Wunsch, einen Sohn zu bekommen», sagt sie. Thao hatte bereits eine Abtreibung, nachdem ein Arzt und zwei Wahrsager ihr mitgeteilt hatten, dass sie eine weitere Tochter erwartete. Diesmal aber sah alles nach männlichen Zwillingen aus, und so setzte Thao die Schwangerschaft fort. «Wir waren total glücklich», erinnert sie sich. Doch dann offenbarte ihnen der Arzt nach einer weiteren Untersuchung, dass doch zwei Mädchen unterwegs seien. «Wir waren traurig. Mein Mann stand geradezu unter Schock», sagt sie.

Die kanadische Bevölkerungswissenschaftlerin Daniele Belanger weiß um den Druck, der auf vielen Vietnamesinnen lastet. «Die Abtreibung eines Mädchens befreit sie von Gewissenskonflikten und äußerem Druck.» Die Folgen aber seien fatal. «Wenn das Ungleichgewicht erst einmal die heiratsfähigen Altersklassen erreicht, gibt es große Probleme. Es fehlen Frauen», warnt sie.

China bekommt einen solchen Mangel an Frauen bereits zu spüren. Auch in Südkorea und Taiwan suchen verzweifelte Junggesellen ihre Ehefrauen im Ausland. Illegale, aber allgegenwärtige Heiratsvermittler verdienen gut daran. Der UN-Bericht sieht Vietnam auf dem gleichen Weg. Das Land müsse dringend einlenken, heißt es darin. (AFP)

DerWesten

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