Nicht von Pappe
16.02.2010 | 16:12 Uhr 2010-02-16T16:12:00+0100
Weisenbach.Im engen Tal der Murg ist die Globalisierung auch schon eingetroffen, etwa in der freundlichen Gestalt von Joe Yamamoto. Der Franzose mit deutscher Mutter und japanischem Vater ist Assistent der Geschäftsführung bei Bierdeckel Katz, und Katz ist keine Klitsche, sondern einer dieser südwestdeutschen Weltmarktführer, ein Gigant in seiner Nische: mit einer Kapazität von zehn Millionen Deckeln täglich, und das in diesem einen von mehreren Werken. Nur damit das klar ist! „Sodele“, sagt Yamamoto - wie man hört, ist der Mann im Badischen gut angekommen.
Diese Globalisierung hat die Katz-Gruppe zuletzt ziemlich mitgenommen; eine Kapitalbeteiligungsgesellschaft aus England, der wenig Fachwissen nachgesagt wird, war eingestiegen und hatte sich mit allerlei Werbe- und Pappartikeln sozusagen verzettelt – alles für die Katz! Die Engländer sind wieder weg, aber leider ist es prompt so, dass „der Biermarkt stagniert“, so Yamamoto. So traten sie der Idee näher, den Bierdeckel vom Bier unabhängig zu machen; ob das ein Meisterstück wird oder eine lachhafte Quadratur des Kreises, wird man erst in Jahren wissen. Noch jedenfalls verkaufen sich Bierdeckel vor allem an Brauereien, sodann an Brauereien, und erst dann folgen Brauereien . . .
Hinten also fließt die Murg, vorne der Verkehr auf der Bundesstraße, dazwischen liegt das lang gestreckte Firmengelände mitten im 2600-Seelen-Ort Weisenbach. Was hier 150 Leute machen, wäre nur unzureichend, aber prinzipiell richtig beschrieben mit „Hinten schmeißt man Baumstämme rein, vorne kommen Bierdeckel raus“.
Tatsächlich beginnt es in einem Hof mit Fichten über Fichten – Durchforstungsholz, gewissermaßen fällig. Um nun kurz durch die Produktion zu eilen: Maschinen zerschneiden die Stämme, entrinden sie, Wasser wird unters Holz gemischt; eine Masse wie flüssig Brot kommt in die Produktionsstraße, wird in mehreren Schritten wieder entwässert, geglättet, mit weißen Deckschichten versehen, bedruckt und ausgestanzt. Da liegen sie dann auf Paletten, die jeweils hunderttausende Bierdeckel tragen – und es sind viele Paletten: Kronenbourg 1664, Tiger, Paulaner, Estrella, Jupiter, Fiege, Pilsner Urquell . . .
Standardprodukte, entweder 93 mal 93 Millimeter quadratisch oder 107 Millimetern Durchmesser rund; freilich gibt es auf der Welt hunderte Sonderformen, asiatische Bierdeckel zum Beispiel sind wegen der Luftfeuchtigkeit deutlich dicker. „Damit können Sie jemanden erschlagen“, sagt Joe Yamamoto, der an dieser Stelle auch noch als Kronzeuge herhalten muss.
Um das Katz-Produkt muss einem da nicht bange sein, die Märkte in Asien oder Südamerika sind ausgesprochen ausbaubar. Und dennoch arbeiten sie daran, Bierdeckel ganz allgemein als „sympathische und wandlungsfähige Werbeträger“ zu platzieren. Pappe ist ja geduldig, als Werbeträger also für Winzer und Regionen, für Fußballclubs, Mobilfunk, für Vor-Aids-Aufpassen und alles, was man sich zusammendenken kann; am Start ist zum Beispiel ein schwarzrotgoldener Deckel, aus dem man die Farbe aufnehmen und ins Gesicht streichen kann. Das heißt dann aber nicht mehr Bierdeckel, sondern „Fan-Coaster“; mit dem Namen Bierdeckel hat es ja eh die Absonderlichkeit, dass er viel eher als Untersetzer eingesetzt wird denn als Deckel.
Das ist wieder alles sehr verwirrend. Jedenfalls ein weiter Weg für einen Betrieb, den Johann Georg Katz 1716 als Sägewerk gründete; später stellte man um auf die Telegrafenmasten und Eisenbahnschwellen, und 1903 kam Casimir Otto Katz auf die Idee, aus dem Abfallprodukt Sägespäne etwas Rentables zu machen.
Katzens sind lange raus aus dem Betrieb, 2009 führten die Engländer die Firma in die Insolvenz, aus der ein anderer badischer Papierbetrieb sie rettete: Die August-Koehler-AG, befasst mit Spezialpapieren aller Art; unter anderem ist Koehler Weltmarktführer für Kassenbon-Papier. Aber das würde jetzt zu weit führen. Sodele!
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