New Yorker Polizisten sind sauer auf Bürgermeister

Was wir bereits wissen
Nach Protesten gegen Polizeigewalt geben viele Uniformierte dem New Yorker Bürgermeister de Blasio eine Mitschuld an der Ermordung zweier Polizisten.

New York.. "New York's Finest" nennt sich die Polizei der US-Millionenmetropole – das Beste, was New York zu bieten hat. Die Beamten sind stolz auf sich und ihren Job und zeigen das bei jeder Gelegenheit. Aber jetzt fühlen sich viele der rund 50 000 Polizisten New Yorks in ihrem Stolz zutiefst verletzt. Und das ausgerechnet von Bürgermeister Bill de Blasio.

Der mit einer Afro-Amerikanerin verheiratete Bürgermeister hatte öffentlich Demonstrationen unterstützt, die Polizeigewalt gegen Schwarze anprangerten. Auch seinen Sohn Dante habe er im Umgang mit der Polizei trainieren müssen, sagte de Blasio vor der Presse – und handelte sich damit den Zorn seiner eigenen Polizeitruppe ein.

Vertreter der Polizeibehörde New York City Police Department (NYPD) geben ihm seitdem die Mitschuld an der Erschießung von zwei Polizisten vor rund zwei Wochen. Als Motiv für die Tat eines Afro-Amerikaners wird Rache wegen der Polizeigewalt gegen Schwarze vermutet. Auch Bürgermeister de Blasio habe nun "Blut an seinen Händen", wetterte Polizeigewerkschaftschef Patrick Lynch.

Grauenhafte Tat in New York Polizisten drehen Bürgermeister demonstrativ den Rücken zu

Bei der Beisetzung eines der beiden Polizei-Opfer vor einer Woche kehrten die Ordnungshüter dem Stadtoberhaupt reihenweise den Rücken. Bei der Trauerfeier für das zweite Opfer am Sonntag stellten nur noch einige Dutzend Polizisten ihrem Unmut gegen de Blasio zur Schau. Etliche setzten sich demonstrativ von den Feierlichkeiten ab, andere drehten sich um, als de Blasio das Wort ergriff. Und das, obwohl Polizeichef William Bratton seine Beamten zuvor eindringlich ermahnt hatte, bei der Beisetzung "zu trauern und nicht zu grollen".

Neue Statistiken deuten jetzt eine eigenwillige Reaktion der Polizei an: unangekündigter Arbeitskampf. In der letzten Dezemberwoche 2014 – der Woche nach der Ermordung der beiden Polizisten – stellten die New Yorker Cops Medienberichten zufolge 94 Prozent weniger Verkehrsstrafzettel, 92 Prozent weniger Park-Knöllchen und 94 Prozent weniger Verwarnungen wegen Vergehen wie öffentlichem Urinieren aus als in derselben Woche 2013. Außerdem nahmen sie 84 Prozent weniger Menschen wegen Drogendelikten fest.

Rassismus-Proteste New Yorker Polizei am Limit

In den beiden besonders betroffenen Polizeibezirken – dem, wo die beiden Polizisten erschossen wurden, und dem, wo sie normalerweise patrouillieren – sind die Zahlen noch auffälliger: Wurden in der letzten Dezemberwoche 2013 noch 130 Menschen wegen eines Vergehens verwarnt, war es in der letzten Dezemberwoche 2014 genau einer. Auch bei der Silvesterparty mit rund einer Million Menschen auf dem Times Square wirkten die Kontrollen diesmal deutlich lascher als noch in den vergangenen Jahren. Hat die New Yorker Polizei die Arbeit eingestellt?

Nein, beteuert der Polizeichef. Seine Truppe befände sich lediglich in einer "Phase der Trauer" und sei außerdem am Limit ihrer Kapazitäten: Nicht nur müssten die immer noch andauernden Demonstrationen gegen Polizeigewalt von Tausenden Polizisten überwacht werden, sondern nach den Morden müssten die Beamten jetzt auch sich selbst besser schützen. Da blieben nicht genügend Kapazitäten übrig für manche kleineren Vergehen. "Ich möchte aber deutlich machen, dass das keinen Einfluss auf die Sicherheit der Stadt hat."

Die gerade veröffentlichte Mordstatistik scheint Bratton recht zu geben: Im einst als Hochburg der Kriminalität berüchtigten New York gab es 2014 so wenige Morde wie nie zuvor seit Beginn der offiziellen Statistik. Knapp 25 Jahre nach dem Rekord-Jahr 1990 mit 2245 Morden konnte für 2014 mit 328 Morden ein Minus-Rekord vermeldet werden.

US-Polizei Polizeistreit ist für de Blasio schwerste Krise seiner bisherigen Amtszeit

Eigentlich ein Grund zur Freude für Bürgermeister und NYPD, aber in der aufgeheizten Krisenstimmung geht die Nachricht derzeit völlig unter. Stattdessen ist der Streit zwischen Stadtoberhaupt und Cops eskaliert und de Blasio in der wohl schwersten Krise seiner bisherigen Amtszeit. Bei mehreren Veranstaltungen buhten Polizisten den Bürgermeister aus oder drehten ihm demonstrativ den Rücken zu. Auch ein erstes Krisentreffen brachte keine Annäherung. Die Lokalzeitung "New York Daily News" spricht schon vom "Kalten Krieg" zwischen Bürgermeister und Polizei.

"Polizisten haben auch Gefühle", verteidigte Gewerkschaftsvertreter Michael Palladino die Beamten. Aber nicht alle New Yorker stehen auf der Seite der NYPD. "Was die New Yorker von ihrer Polizei wollen ist einfach: 1. Nicht gegen die Verfassung verstoßen. 2. Keine unbewaffneten Menschen umbringen", schrieb die "New York Times". "Und dazu können wir jetzt noch hinzufügen: 3. Macht eure Arbeit." (dpa)