New York bibbert vor Schneewalze

New York..  Bill De Blasio ist von Haus aus kein Alarmist. Anders als sein Vorgänger Michael Bloomberg schaltet New Yorks Bürgermeister öffentlich meist einen Gang zurück, wenn der Millionen-Metropole Ungemach droht. Vor dem Schneesturm, der seit Montag weite Teile der US-Ostküste lahmlegen und bis zu 50 Millionen Menschen in Atem halten sollte, änderte der erste Beamte der Stadt die Tonlage dramatisch: „Meine Botschaft an alle New Yorker: Unterschätzt das bitte nicht. Bereitet euch auf etwas Schlimmeres vor, als wir es jemals gesehen haben.“

Beispiellose Schneemassen

Der erste „Nor’easter“ in 2015, so werden die aus Nordosten kommenden Blizzards genannt, sollte nach Berechnungen der Meteorologen bis zum heutigen Dienstagabend allein für Manhattan Schneemassen von mindestens 60 Zentimeter bringen. „Es könnten aber auch bis zu 90 Zentimeter werden“, sagte De Blasio. Das wäre beispiellos in der Geschichte der Stadt. Die geltende Rekordmarke für New York, traditionell gemessen im Central Park, ist neun Jahre alt und liegt bei 68 Zentimeter.

De Blasios Auftritt am Sonntag vor einer Polizeiwache, von vielen TV-Sendern live übertragen, sollte dem Risiko entgegenwirken, dass die Gefahr unterschätzt wird. Warnungen vor außergewöhnlichen Wetter-Phänomenen, ganz gleich zu welcher Jahreszeit, sind in den für Hysterie leicht empfänglichen USA oft zu hören. Nicht immer hält das Resultat mit den Ankündigungen Schritt. Bleibt der große Schaden aus, wissen Psychologen der Columbia-Universität, „stumpft das Publikum ab und wird unvorsichtig.“ 2005, beim letzten großen Schneesturm im Großraum New York, starben trotz präziser Vorhersagen und Sicherheitsvorkehrungen 15 Menschen.

Angesichts der Hamsterkäufe, bei denen in den Super- und Baumärkten zwischen Bronx und Brooklyn bis gestern Nachmittag Lebensmittelkonserven, Taschenlampenbatterien, Entfrostungsmittel, Schneeschaufeln und Strom-Generatoren ganz vorne rangierten und Dutzende Geschäfte regelrecht leergekauft wurden, muss der Weckruf diesmal gewirkt haben. „Ich bin nicht leicht zu erschrecken“, sagte der 29-jährige Wall- Street-Analyst Jerome Kersy am Mittag im Lokalfernsehen, „aber dieses Ding macht mir wirklich Sorgen.“ Kersy hatte gehört, was der Meteorologe Benjamin Sipprell kurz zuvor in ruhigen Worten erklärte: „Dieser Sturm könnte katastrophalen Schaden anrichten.“ Der Mann vom Nationalen Wetterdienst denkt vor allem an die altertümliche Stromversorgung. Selbst unter durchschnittlichen Schneelasten reißen in den USA regelmäßig die überirdisch angelegten Leitungen und verbannen Hunderttausende Privathaushalte vorübergehend in die Dunkelheit.

2000 Schneepflüge stehen bereit

Dennoch rieten die Behörden der Bevölkerung in New York unisono: Bleibt zuhaus! Kernargument: Der öffentliche Personennahverkehr werde spätestens heute weitgehend stillgelegt sein. Viele wichtige Straßen, etwa die Autobahn in Richtung Long Island, sollen gesperrt werden. Für Privatleute wurde ein Fahrverbot in der Nacht verhängt. Damit Krankenwagen trotz der Schneemassen zu Noteinsätzen durchdringen können, hält die Stadtverwaltung rund 2000 Schneepflüge bereit. In vielen Schulen ist nicht mit Unterricht zu rechnen.

„Snowmageddon“, wie der Sturm bereits genannt wird, beschränkt sich nicht auf New York. Von Maine bis Pennsylvania sind Ausnahmeregelungen verhängt. In Connecticut gilt seit gestern Abend ein komplettes Fahrverbot.