Neuer Zorn erbebt noch besser

Stephan Luca (r.) ersetzt im zweiten "Zorn"-Film Misel Maticevic als titelgebenden Ermittler. Axel Ranisch (l.) ist wieder als dicker Assistent Schröder dabei.
Stephan Luca (r.) ersetzt im zweiten "Zorn"-Film Misel Maticevic als titelgebenden Ermittler. Axel Ranisch (l.) ist wieder als dicker Assistent Schröder dabei.
Foto: MDR/Edith Held
Was wir bereits wissen
Stephan Luca ersetzt Misel Maticevic als Depri-Kommissar Zorn aus Halle und trägt in fast jeder Beziehung zu einem überdurchschnittlichen Fernsehkrimi bei

Eine Figur wie den nach Alkohol, Qualm, Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten stinkenden Depri-Kommissar Zorn muss in jeder Folge vor eine dramatischere Herausforderung gestellt werden. Sonst könnte es schnell langweilig werden, so wie bei Zorns Soft-Version, dem belanglosen Bochumer Dreitagebart-Ermittler Heldt im Vorabendprogramm des ZDF. Aber der MDR hält beim zweiten Zorn „Vom Lieben und Sterben“ nicht nur das Niveau des Erstlings, sondern übertrifft es.

Die Geschichte von Bestseller-Autor Stephan Ludwig ist noch rauer, böser, dunkler als bei der Premiere „Tod und Regen“. Und statt Zorn noch tiefer im Sumpf seiner Depressionen im Plattenbauviertel von Halle versinken zu lassen, ihn noch öfter saufen, rauchen, kotzen, fluchen und zusammenbrechen zu lassen, hat Regisseur Mark Schlichter den Charakter diesmal leicht zurückgenommen.

Der Mord lässt nicht lange auf sich warten

Musste er wohl auch, denn der erste Zorn-Darsteller Misel Maticevic konnte aus Zeitgründen nicht mehr als Kommissar im angestoßenen Alt-BMW durch Halle torkeln. Dafür trägt der Neue Stephan Luca jetzt Dreitagebart, was aber zum Glück nichts weiter zu bedeuten hat.

TV-Vorschau Nur auf die ausgereizt und wenig glaubwürdig erscheinende Liebesgeschichte zwischen Zorn und seiner Geliebten Malina (Katharina Nesytowa) mochte man nicht verzichten. Vielleicht braucht man die Hübsche noch in einer späteren Folge als Opfer. Auch die immer gleich schneidige Frau Staatsanwältin dürfte gerne versetzt werden (oder zumindest mal im Bett ihres Intimfeindes Zorn landen).

Bei „Vom Lieben und Sterben“ geht es mehr ums Sterben. Zorns dicker Assistent Schröder (wieder ziemlich gut: Axel Ranisch) kommt nach Messerattacke aus der langen Reha zurück, in der ihn Zorn – na klar – nicht besucht hatte.

Der Mord lässt nicht lange auf sich warten. Ein junger Mountainbiker wird in Ausübung seines Hobbys vom straff über die Strecke gespannten Drahtseil gemeuchelt, bald brennt ein zweiter aus der nervenden Jugendclique um die aufreizende Schöne (Saskia Rosendahl) auf dem Sprungturm des Freibads.

Die stärksten Bilder entstehen im Kopf

Der uninszenierte Mord ist im deutschen Fernsehkrimi eben aus der Mode gekommen, selbst beim sonst so oft ostalgisch rückwärtsgewandten MDR. Zumindest Ex-DDR-Ikone Peter Sodann hat eine Nebenrolle beim Lieben und Sterben bekommen.

Lesung Dramaturgisch stark beschleunigt wird das Ermittlungsverfahren durch den aufkeimenden Verdacht, dass es hier um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, und dass der dicke Schröder so ist, wie er ist, weil er selbst als Kind so gequält wurde. Und was hat der Pfarrer der Jugendclique damit zu tun? So entspinnt sich eine zunehmend albtraumhafter werdende Geschichte um Opfer, die zu Tätern wurden, und Täter, die zu Opfern werden.

Was Zorn sich auf dem Rechner eines der Kinderpornografie Verdächtigen tagelang ansehen muss, bleibt ungezeigt. Es sind oft nicht die schlechtesten Filme, in denen die stärksten Bilder erst im Kopf entstehen.

Fazit:In fast jeder Beziehung ein überdurchschnittlicher Fernsehkrimi.

Donnerstag, 16. April, ARD, 20.15 Uhr