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Amoklauf

Mutmaßlicher Todesschütze von Colorado in 142 Punkten angeklagt

30.07.2012 | 19:58 Uhr
James Holmes wird wegen 142 Straftatbeständen angeklagt.Foto: afp

Washington/Aurora.   Der mutmaßliche Kino-Todesschütze von Colorado muss sich wegen mehrfachen Mordes verantworten. Die Staatsanwaltschaft in dem US-Bundesstaat legte James Holmes bei einer Anhörung am Montag insgesamt 142 Anklagepunkte zur Last, darunter Mord, versuchten Mord und Sprengstoffbesitz.

Nur einmal, als er zu einer juristischen Nebensächlichkeit gefragt wurde, sagte er ein einziges Wort: „Ja“. Ansonsten keine Erklärung, keine Entschuldigung, keine Geste der Reue. James Holmes, der von seinen Professoren als hoch intelligent bezeichnete Neurowissenschafts-Student, der am 20. Juli in einer Vorort-Kino von Denver/Colorado zwölf Menschen erschossen und 60 zum Teil lebensgefährlich verletzt haben soll, blieb auch bei der Anklageverlesung gestern ein Rätsel .

Der 24-Jährige muss sich nach den Worten von Richter William Sylvester wegen 142 schwersten Straftatbeständen verantworten, darunter mehrfacher Mord (jeder Todesfall wurde wegen der Schwere der Tat doppelt gezählt), dutzendfacher versuchter Mord und Missbrauch von Explosivstoffen . Das kumulierte Strafmaß läge nach den Gesetzen in Colorado im Falle einer Verurteilung formal bei über 4600 Jahren, haben Juristen eines Internet-Blogs ermittelt.

Holmes wirkte "teilnahmslos bis verwirrt"

Fernsehkameras und Fotografen waren bei der Sitzung im 25 Kilometer entfernt vom Schauplatz der Tragödie gelegenen Arapahoe-Bezirksgericht diesmal nicht zugelassen. Im Beisein von Hinterbliebenen-Familien der Opfer berichteten Reporter nach der 45-minütigen Sitzung keinen wesentlichen Unterschied im Aufreten des Angeklagten gegenüber dem ersten Gerichtstermin vor einer Woche. Holmes habe, eingerahmt von seinen Pflichtverteidigern Daniel King und Tamara Brady, erneut „teilnahmslos bis verwirrt gewirkt“ und „oft auf den Boden und an die Decke gestarrt“; nur seine orangerot gefärbten Haare seien diesmal gekämmt gewesen.

Staatsanwältin Carol Chambers hat nach dem Gesetz des Bundesstaates ab heute 60 Tage Zeit darüber zu entscheiden, ob sie die Todesstrafe für den gebürtigen Kalifornier beantragt. Formal geht der Prozess ab 12. November in seine nächste Etappe. Während einer einwöchigen Anhörung wird der bis dahin ermittelte Sachstand der Staatsanwaltschaft einer ersten Prüfung unterzogen. Der eigentliche Prozessbeginn wird nicht vor 2013 sein.

Tote bei Schießerei im Kino

Mordfantasien und Hinweise auf die Tat

Bereits heute zeichnet sich ab, dass die Frage der geistige Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten im Fokus der Verhandlung stehen wird. Richter William Sylvester sieht sich in diesem Zusammenhang verstärktem Druck der Medien ausgesetzt, Unterlagen über den Fall freizugeben und Auskünfte über den Inhalt des Notizbuches zu erteilen, das Holmes kurz vor dem Amoklauf der Universitäts-Psychologin Dr. Lynne Fenton geschickt hat , bei der er sich in Behandlung befunden haben soll. Das Heftchen enthält nach inoffiziellen Polizeiangaben in Wort und Bild Mordfantasien und Hinweise auf die bevorstehende Tat, wurde aber aus noch ungeklärten Gründen erst Tage später in der Poststelle der Uni entdeckt.

Video
Aurora, 24.07.12: Drei Tage nach dem Kino-Massaker, bei dem zwölf Menschen starben, ist der mutmaßliche Täter James Holmes am Montag erstmals vor Gericht erschienen. Dem abwesend und benommen wirkenden 24-Jährigen könnte die Todesstrafe drohen.

Nach vorläufigen Erkenntnissen soll Holmes Alleintäter gewesen sein und den Amoklauf während der Premierenvorstellung des neuen „Batman“-Films „The Dark Knight Rises“ über Monate durch dosierte Waffen- und Munitionskäufe sorgfältig geplant haben.

Hilfs-Fonds umfasst 3,1 Millionen Dollar

Unterdessen ist der von Colorados Gouverneur John Hickenlooper initiierte Hilfs-Fond für die Opfer und Hinterbliebenen der Katastrophe von Aurora auf 3,1 Millionen Dollar angewachsen. Neben gemeinnützigen Organisationen spenden immer mehr Geschäftsleute aus der Region ihre Tageseinnahmen an den Fonds.

Video
New Orleans, 26.07.12: US-Präsident Obama will sich nach dem Kino-Massaker für schärfere Waffenkontrollen einsetzen. Er glaube zwar an das Recht, Waffen zu tragen, doch müsse sichergestellt werden, dass diese nicht in die falschen Hände gerieten.

Die Kosten für die medizinische Versorgung der knapp 60 zum Teil schwer verletzten Kino-Besucher, viele unter ihnen ohne Krankenversicherung, gehen nach einem Bericht der „Denver Post“ in die Millionen. Die Krankenhäuser und die sie tragenden Stiftungen haben sich zur Übernahme bereiterklärt. Wie die Ärzte gestern bestätigten, hat ein Opfer der Katastrophe einen doppelten Schicksalschlag erlitten. Ashley Moser, die bei der Bluttat ihre sechsjährige Tochter Veronica verloren hatte, erlitt eine Fehlgeburt.

Dirk Hautkapp



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