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Mindestens sechs Tote bei Erdbeben in Norditalien

20.05.2012 | 17:14 Uhr
Katastrophale Zustände nach dem Erdbeben in Norditalien: Bei Modena verschütteten Gebäudeteile Autos und Straßen. Foto: rtr

Rom.   Ein schweres Erdbeben hat am Sonntag in der Früh weite Teile Norditaliens erschüttert. Nach ersten Erkenntnissen gab es mindestens sechs Todesopfer, ein verschüttetes Mädchen konnte fast unverletzt aus schweren Trümmern gerettet werden. Die Erde bebte 20 Sekunden lang.

Mit einer Stärke von 5,9 hat am Sonntag um 4.04 Uhr in der Früh ein heftiges Erdbeben die Menschen in Norditalien aus dem Schlaf gerissen. Mindestens sechs Menschen fanden dabei den Tod, darunter auch eine 37-jährige Deutsche, die sich beruflich in Sant’Alberto di San Pietro in Casale bei Bologna aufhielt. 50 Personen trugen Verletzungen davon. Innerhalb kürzester Zeit wurde 200-mal die Notrufnummer 118 angerufen.

20 Sekunden lang schüttelten die Erdstöße Menschen und Häuser durch. „Eine gefühlte Ewigkeit“, wie Betroffene in Interviews schildern. Viele griffen in Panik nur noch eine Wolldecke und liefen um ihr Leben ins Freie. In nur zehn Kilometer Tiefe lag nach Angaben des Nationalen Geophysikalischen und Vulkanologischen Instituts das Epizentrum, 36 Kilometer nördlich von Bologna in der Provinz Modena in der Po-Ebene. Das Beben war so heftig, dass es auch noch in der Toskana und in Südtirol gespürt wurde. In Panik rannten die Menschen in Bologna und Mailand auf die Straße auf der Flucht vor herabstürzenden Mauerstücken und Dächern.

Besonders heftig traf das Beben den Ort Sant’Agostino. Zwei Arbeiter, die Nachtschicht hatten, wurden von der einstürzenden Keramikfabrik erschlagen. Ein anderer Arbeiter verlor sein Leben ebenfalls in den Trümmern einer Fabrik, die dem Beben nicht standhalten konnte. Vermutlich infolge des Schreckens durch die Erdstöße starb eine über 100-jährige Dame in demselben Ort.

37-jährige Deutsche starb nach einem Schreck

In einem anderen Dorf, nur einige Kilometer entfernt, fand man einen Arbeiter ebenfalls tot in einer zerstörten Fabrikhalle. Mehrere Krankenhäuser wurden aus Sicherheitsgründen evakuiert. Vor allem versuchten die Rettungskräfte, die schwer kranken Menschen in Sicherheit zu bringen, die sich nicht alleine ins Freie begeben konnten. Die 37-jährige Deutsche starb wohl ebenfalls infolge eines Schreckens durch das Beben. Sie bekam Atemprobleme und konnte nicht mehr gerettet werden.

Schwere Schäden in Norditalien

Einen besonders aufmerksamen Schutzengel hatte ein kleines Mädchen. In Obici nahe der Stadt Finale Emilia kämpften die Menschen um das Leben der fünfjährigen Vittoria Vultaggio, die unter Trümmern begraben war. Sie konnte fast unverletzt durch Familienangehörige und Rettungskräfte unter den tonnenschweren Steinen ausgegraben werden, hatte nicht einmal Knochenbrüche. Ein alter Turm war auf das Schlafzimmer gestürzt, in dem das Mädchen lag. Dank zweier stabiler Balken, die das Schlimmste abhielten, war ein Überleben für die kleine Italienerin möglich. Ihr Onkel bezeichnete die Rettung der Kleinen Vittoria als ein Wunder.

Aus den besonders stark betroffenen Regionen sieht man Bilder von zerstörten Häusern, wie man sie noch vom schweren Erdbeben 2009 in l’Aquila in den Abruzzen nördlich von Rom kennt. Das Beben dort hatte damals die Stärke 6,2 – 300 Tote waren zu beklagen, aufgebaut ist die Stadt bis heute nicht wieder.

In San Felice und in Finale Emilia gab es die größten Schäden. Eine Kirche stürzte ein, an vielen Häusern klaffen Zentimeter lange Spalten, zum Teil sind schräg über mehrere Stockwerke riesige Mauerteile aus den Gebäuden herausgebrochen. Vom Turm einer historischen Kirche blieb nur noch eine Hälfte stehen, selbst die Turmuhr brach in zwei Teile. Vielfach sind von Gebäuden nur noch Wände stehen geblieben, die jeden Moment umstürzen können.

Viele Straßen sind nicht mehr zu befahren

Sicherheit ist zurzeit in vielen Städten nicht mehr gegeben. Häuser sind durch gefährliche Risse beschädigt und wurden abgesperrt, bis klar ist, wie gefährlich das Betreten der Wohnungen ist und ob eine Rückkehr der Bewohner überhaupt möglich ist.

Viele Straßen in den kleinen alten Dörfchen sind nicht mehr befahrbar. Berge an Schutt, Steinen, Mauerresten sind auf die Straßen gekracht und müssen in den nächsten Tagen und Wochen erst mit schwerem Gerät weggeräumt werden.

Seit den frühen Morgenstunden des Sonntag kreisten mehrere Hubschrauber über dem weiten Erdbebengebiet, um die Schäden aus der Luft zu sichten. Auch in der nördlichen Provinz Venezien waren die Ausläufer des Bebens noch deutlich zu spüren. Die beliebte Stadt Venedig blieb aber von Schäden verschont.

Italien ist eine Erdbebenregion

Immer wieder kommt es in Italien zu Erdbeben. Oft sind sie so schwach, dass sie von den Behörden registriert werden, die Menschen sie aber gar nicht spüren. Generell gelten aber viele Landesteile in Italien als ausgesprochen Erdbeben gefährdet. Erst im Januar dieses Jahres hatte die Erde in Italien spürbar gerüttelt. 1976 erreichte ein Beben in der Region von Friaul die Stärke 6,2. Mit 6.8 wurde das schlimmste Erdbeben nach dem Krieg 1980 in Irpinia in der südlichen Region Kampanien registriert.

Eva Arndt



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