Michael Keaton: Hollywood fliegt auf den "Birdman"

So richtig rund lief es für Michael Keaton in den Jahren vor "Birdman" nicht mehr. Nach großen Erfolgen in den 90ern verschwand der Schauspieler von der Bildfläche. Nun legt er ein gefeiertes Comeback hin.

Zunächst muss man an dieser Stelle mit einem Vorurteil aufräumen: Michael Keaton spielt in "Birdman" nicht sich selbst. "Was Parallelen zum realen Leben betrifft, so war ich noch nie weiter von einem Filmcharakter entfernt", sagt der 63-jährige Schauspieler, der im Moment ganz Hollywood in seinen Bann zieht. Das ist deswegen interessant, weil es durchaus verführerisch ist, Keatons Werdegang als Schauspieler mit seiner Rolle als Riggan Thomson zu vergleichen.

Jener Thomson versucht in der existenziellen Komödie von Regisseur Alejandro G. Inárritus seine dahin siechende Schauspiel-Karriere wiederzubeleben. Durch seine gewagte Inszenierung eines ambitionierten Theaterstücks am Broadway möchte der frühere Kino-Superheld jedermann beweisen, dass er kein abgehalfteter Künstler ist. Keaton also, der in den beiden "Batman"-Filmen von Tim Burton 1989 und 1991 selbst einer der ersten globalen Superhelden im Kino war und danach ein bisschen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand, sieht in Thomsons Biografie keine Parallelen zu sich selbst.

Schon seine erste große Rolle war nicht von dieser Welt. In der morbiden Komödie "Beetlejuice" spielte er den titelgebenden Poltergeist. Eine Figur, die ihn beinahe über Nacht zu einem der begehrtesten Darsteller Hollywoods machte. Regisseur Burton heuerte ihn dann erneut für "Batman" an. Zwar verschwand Keaton in den Folgejahren nicht gänzlich von der Leinwand, die ganz große Rolle ergatterte er aber auch nicht mehr. Nach der Scheidung von seiner Frau machte er in den 90ern mehr durch Affären und eine gescheiterte Beziehung zu seiner Kollegin Courtney Cox (50, "Friends") von sich Reden.

Beruflich liefen vor allem die 00er-Jahre schleppend an. Laut Keaton selbst lag das vor allem an seiner eigenen Faulheit. In dieser Zeit habe er auch selbst Fehler gemacht, wie er im Interview mit "Deadline" verriet. Er habe gute Angebote liegen lassen und sich für die falschen entschieden. "Irgendwann kam der Punkt, an dem die Studios nicht mehr anriefen." Anders als für seinen Riggan Thomson bedeutete das für Keaton allerdings keine existentielle Sinnkrise. 2013 stand er schließlich in einer wichtigen Nebenrolle für das Remake des Kult-Films "RoboCop" vor der Kamera, als ihm sein Agent das Angebot für "Birdman" unterbreitete. Keaton zögerte nicht und sagte zu.

Ob es ihm nun passt oder nicht - Keatons Hintergrund und seine Legitimation verleihen dem Film Glaubwürdigkeit. "Er ist der Pate unserer heutigen von Comic-Helden überfluteten Kino-Welt, und deshalb war er die perfekte Wahl", sagt selbst Regisseur Inárritus. Allerdings erklären die biografischen Ähnlichkeiten nur zum Teil den Hype, der um Keaton und seinen "Birdman" ausgebrochen ist. Am Donnerstag wurde der Film in neun Kategorien für einen Oscar nominiert, wenige Wochen zuvor erhielt der in Pennsylvania geborene Keaton bereits einen Golden Globe als bester Schauspieler.

Natürlich trägt auch die besondere, anspruchsvolle optische Herangehensweise zum Erfolg bei. "Birdman" wirkt, als sei er an einem Stück, ohne einen einzigen Schnitt gedreht worden. Szenen und Tageszeiten gehen fließend ineinander über - der Stoff entwickelt so eine ganz eigene Dynamik. "Pro Tag wurde eine Szene gedreht. Man dreht also kontinuierlich. Normalerweise macht man hier fünf Aufnahmen, dort zwölf Aufnahmen, Nahaufnahmen, eben eine Menge Aufnahmen, aus denen man dann eine Szene zusammenstoppeln kann. Diesmal gab es das nicht. Man hat kein Sicherheitsnetz. Man hat nur eine kontinuierliche Aufnahme. Und alles musste zusammenpassen, jeder Schauspieler musste exakt am richtigen Platz sein", erzählt Keaton.

Die Nebenrollen sind mit Edward Norton, Naomi Watts und Emma Stone erstklassig besetzt. Trotzdem steht und fällt alles mit Keaton und seiner Figur des Riggan Thompson, der so verzweifelt nach Liebe und Anerkennung sucht, dass es schmerzt. Innerhalb kürzester Zeit entfaltet er ein ganzes Kaleidoskop von Gefühlen. Begeisterung, Zweifel, Reue, Wut, Freundlichkeit - ganz zu schweigen von der Heimsuchung durch diese übermenschliche Ausgeburt seiner Fantasie - Birdman.

Mit 63 Jahren könnte sich Keaton nun entspannt auf seiner Ranch in Montana zurücklehnen und die Früchte des unerwarteten Erfolgs genießen. Doch er will den Schwung mitnehmen. "Beetlejuice 2" soll endlich realisiert werden, demnächst wird er im Drama "Spotlight" den Pulitzer-Preis-Gewinner Walter Robinson spielen. "In den letzten beiden Jahren habe ich wieder richtig gefallen an meiner Arbeit gefunden", sagte er "Variety".