Massaker in US-Bibelstunde löst Entsetzen aus

Polizisten in Charleston, US-Staat South Carolina, vor dem Tatort eines entsetzlichen Kirch-Massakers.
Polizisten in Charleston, US-Staat South Carolina, vor dem Tatort eines entsetzlichen Kirch-Massakers.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Eine teuflische Tat in der Bibelstunde: Bei einem Massaker in einer Kirche von Charleston, South Carolina, sind neun Menschen ermordet worden.

Washington/Charleston.. Ein Spaziergang entlang der Calhoun Street in Charleston gehörte bislang zu den erhabensten Erlebnissen, die Amerikas bewegter Süden für Besucher bereithält. Die Fassaden der penibel restaurierten Häuser im unter Denkmalschutz stehenden Altstadtkern sind verziert mit Balustraden, schmiedeeisernen Balkonen, großzügigen Treppenaufgängen und korinthischen Säulen. Aus den Kneipen dringt schon tagsüber Ragtime-Musik, die Restaurants bieten scharf gewürzte Shrimps und frittierte grüne Tomaten.

Der Täter ist auf der Flucht

Seit Mittwochabend ist die 120.000 Einwohner zählende Stadt im Bundesstaat South Carolina wie gelähmt, und jede Leichtigkeit ist verflogen. Ein weißer Mann in Blue-Jeans, Timberland-Stiefeln und grauem Sweat-Shirt betrat gegen 21 Uhr die historische „Emmanuel African Methodist Episcopal“-Kirche und feuerte um sich. Neun zum Bibelstudium versammelte Gläubige, allesamt Schwarze, sind tot, mindestens acht schwer verletzt. Der Täter ist auf der Flucht.

Waffen Obwohl über die Motive des als Dylann Storm Roof (21) identifizierten Todesschützen bisher nichts bekannt ist, geht die Polizei von einem rassistisch motivierten „Hass-Verbrechen“ aus. An Kleidungsstücken des 21-Jährigen aus Lexington/Kentucky wurden unter anderem Flaggen und Abzeichen der weißen Apartheid-Bewegung in Südafrika gefunden.

Polizeichef Gregory Mullen kämpfte gestern früh bei einer Pressekonferenz mit den Tränen: „Wir werden diesen Typen schnappen. Er hat unaussprechliches Leid über Charleston gebracht.“ Bürgermeister Joseph P. Riley rief die Stadt-Gesellschaft auf, sich in Trauer und Demut zu vereinen. „Der einzige Grund, dass jemand in eine Kirche geht und Menschen während des Gebets erschießt, ist Hass“, sagte er.

Eine heimtückische Tat

Cornell Brooks, Präsident der einflussreichen Schwarzen-Organisation NAACP, verglich die Tragödie mit dem Schul-Massaker von Columbine (April 1999, 15 Tote) und erneuerte die Forderung nach schärferen Waffengesetzen. Kurz nach Bekanntwerden der Tragödie gingen Hunderte Menschen in Charleston auf die Straße: „Wenn wir nicht mehr in der Kirche vor dem Teufel sicher sind“, sagte die 68-jährige Amelia einem Fernseh-Reporter unter Tränen, „wo dann?“.

Mit Hilfe der Bundespolizei FBI haben die örtlichen Sicherheitskräfte ein großes Fahndungsnetz ausgelegt. Das Justizministerium in Washington hat sich eingeschaltet. Auf Handzetteln sind Aufnahmen einer Überwachungskamera gedruckt, die einen schmächtig aussehenden Jungen mit dunkelblonden Haaren zeigen, der gerade die Tür zur ältesten afro-amerikanischen Methodisten-Kirche im Süden der USA, Baujahr 1818, aufstößt. Am Donnerstagmittag erkannte ein Onkel auf den Fahndungsplakaten seinen Neffen und verständigte die Polizei.

Familiendrama Wie heimtückisch Roof vorging, legen erste Aussagen von Augenzeugen nahe, die im Gegensatz zu drei Männern und sechs Frauen überlebten. Danach saß der Todesschütze fast eine Stunde lang unauffällig unter den zwölf von Pastor Clementa Pinckney betreuten Kirchgängern, bevor er die Waffe zückte. Er ließ offenbar gezielt drei Menschen am Leben, darunter ein Mädchen, damit „die Welt davon erfährt“, wie aus Ermittlerkreisen durchsickerte. Pinckney, 41 Jahre alt, war neben seinem Amt als Seelsorger Senator im Landesparlament von South Carolina und genoss beinahe Heldenstatus. Sein Tod bestürzte die schwarze Gemeinde weit über Charleston hinaus.

Charleston gehört zu den wichtigen Wegmarken der amerikanischen Geschichte. Das nach dem englischen König Charles II. anfangs „Charles Town“ benannte Städtchen war nach der Gründung 1670 viele Jahre Amerikas größter Umschlagplatz für den Sklavenhandel. Der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten nahm hier mit der Schlacht bei Fort Sumter 1861 seinen Anfang. Im Mai 1865 kamen die Süd-Generäle um Jefferson Davis in Charleston zu der Einsicht, dass der Krieg verloren war.