Libanesen-Clans in Großstädten sind „keine frommen Muslime“

Streit zwischen libanesischen Clans hält die Polizei beispielsweise in Essen immer wieder auf Trab.
Streit zwischen libanesischen Clans hält die Polizei beispielsweise in Essen immer wieder auf Trab.
Foto: Rene Anhuth / ANC-NEWS
Was wir bereits wissen
Einige libanesische Familienclans sind im großen Stil in die Kriminalität verwickelt. Der Jurist Mathias Rohe zu den Ursachen.

Erlangen/Nürnberg.. Essen, Duisburg, Berlin, Bremen, Lüneburg oder Hildesheim: In einigen Städten stehen Mitglieder libanesischer Großfamilien wegen Drogenhandels, Randale oder anderer Gewalttaten im Fadenkreuz der Polizei. „Inzwischen gibt es Stadtviertel, in denen man nur einen bestimmten Familiennamen nennen muss, und alle zucken zusammen“, sagt Islamwissenschaftler und Jura-Professor Mathias Rohe von der Universität Erlangen-Nürnberg. Im Interview erklärt er, wie es dazu kommen konnte.

In vielen größeren deutschen Städten werden libanesische Clans verdächtigt, mit kriminellen Strukturen den Rechtsstaat zu unterwandern. Was ist bei der Integration schiefgelaufen?

Mathias Rohe: In den 80er und 90er Jahren sind Tausende aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet. Man vergisst oft, dass viele von ihnen schon in der Heimat Underdogs waren, also Menschen, die in ihrem Herkunftsland am Rande der Gesellschaft standen. Ihnen wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt, manche wurden als Staatenlose behandelt. Bei ihrer Ankunft in Deutschland beruhte die Aufnahmepolitik noch auf Abschreckung. Es gab die unglückliche Regelung, dass Flüchtlinge mehrere Jahre lang warten mussten, bis sie erst arbeiten durften. Viele - aber nicht alle – rutschten dadurch ins kriminelle Milieu ab.

Aber wie konnten sich Familienclans hier überhaupt etablieren?

Rohe: Ein wesentliches Problem war die verbreitete Auffassung, dass viele Zuwanderer auf Dauer in Deutschland ohnehin nicht bleiben würden. Man hat also gar nicht versucht, sie schnell ins System einzugliedern. Viele kurdische oder libanesische Einwanderer fanden dadurch keinen Zugang zu Arbeit und Bildung und damit zur deutschen Gesellschaft. Die Menschen suchten stattdessen im Familiären Halt, und so wurden bekannte Clan-Strukturen mit uralten Mechanismen wieder aufgebaut. Auf dieser Grundlage basiert organisierte Kriminalität vielerorts noch heute.

Es heißt immer wieder, dass viele Clans ihre Probleme mit sogenannten Friedensrichtern lösen. Welche Bedrohung geht von ihnen für die deutsche Justiz aus?

Rohe: In kulturell und sozial isolierten kriminellen Milieus ist immer wieder zu beobachten, dass Zeugen eingeschüchtert oder Opfer mit wenig Geld abgespeist werden. Große Macht geht dabei von Familienältesten aus. Man sollte hier aber nicht von muslimischer Paralleljustiz, sondern von kulturell geprägten Mustern sprechen – da sind keine frommen Muslime beteiligt. Teilweise werden muslimische Vertreter sogar selbst von den Clans unter Druck gesetzt.

Zur Person

Mathias Rohe (56) ist Professor für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist als Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa tätig und veröffentlichte das Buch „Das islamische Recht“. Als Leiter der Arbeitsgruppe „Paralleljustiz“ unterstützte er zwischen 2011 und 2013 das Bayerische Justizministerium. (dpa)