Krankenpfleger gesteht 30 Morde

Will sich vor den Kameras im Gericht nicht zeigen: Niels H.
Will sich vor den Kameras im Gericht nicht zeigen: Niels H.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Er habe Patienten ein Herzmedikament gespritzt, um sie dann wiederzubeleben. Für die Kollegen war er erst der rettende Held, bis sie ihm auf die Spur kamen.

Oldenburg.. Bisher hat er stets geschwiegen in diesem Prozess vor dem Oldenburger Landgericht. Hat nichts gesagt zu den Vorwürfen, er habe drei Menschen getötet. Totgespritzt, als Krankenpfleger. Am Donnerstag wurde bekannt, dass Niels H. gestanden hat. Nicht vor Gericht, aber bei einem Gutachter.

Und nicht nur die drei Morde, die die Anklage ihm vorwirft, sondern gleich 30 Morde sowie 60 Mordversuche. Schon das macht ihn zu einem der schlimmsten Mörder in der deutschen Kriminalgeschichte. Und niemand außer ihm weiß, ob selbst diese 30 Opfer nicht nur die Spitze eines Eisberges sind.

An vier Tagen haben sie sich getroffen, der Oldenburger Psychiater Konstantin Karyofilis und Niels H. Stundenlang haben sie gesprochen – stets im Bewusstsein, dass der medizinische Sachverständige nicht der Schweigepflicht unterliegt und alles, was gesagt wird, vor Gericht zur Sprache kommt. Das habe sogar dem Wunsch des Angeklagten entsprochen, sagte Karyofilis und fasste das Ergebnis der Gespräche mit einem Satz zusammen. „Die Tatvorwürfe werden weitgehend eingeräumt.“

Mehr noch: H. habe gestanden zwischen März 2003 und Juni 2005 im Klinikum Delmenhorst 90 Patienten ein gefährliches Herzmedikament gespritzt zu haben, um sie anschließend wiederzubeleben. In 60 Fällen sei ihm das gelungen, 30 Patienten aber seien dabei verstorben. Weitere Taten will der 38-Jährige nach eigenen Angaben nicht verübt haben, weder in Delmenhorst noch in anderen Kliniken oder als Rettungssanitäter.

Kollegen immer besorgter

Genau das will die Staatsanwaltschaft Oldenburg aber nicht ausschließen. Schließlich hat sich H. vor Zellengenossen gebrüstet, nach 50 Opfern habe er „aufgehört mitzuzählen“ und sich deshalb als „größter Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte“ bezeichnet.

Gericht Außerdem sind da Fakten, die auf mehr Opfer hindeuten. Etwa dass sich der Verbrauch des fraglichen Herzmedikamentes während der Beschäftigungszeit des Angeklagten nahezu verdreifacht hat. Oder dass die Sterberate im Klinikum kurz nach seiner Einstellung auf bis zu zehn Prozent gestiegen, schon kurz nach seinem Weggang wieder gefallen ist.

Auch Aussagen ehemaliger Kollegen und Vorgesetzter machen nachdenklich. Bei ihnen schlägt anfängliche Begeisterung über die Einsatzbereitschaft des heute 38-Jährigen, erst in Skepsis, später in Sorge und offene Ablehnung um. Erst nennen sie H. einen „Unglücksraben“, später verbieten sie ihm den Zugang zu den Patientenzimmern, die sie betreuen, kritisieren seinen „Aktionismus“. Oft ist es nur ein Gefühl, nichts Handfestes. Erst als eine Kollegin den Pfleger im Sommer 2005 auf frischer Tat ertappt, wird er festgenommen, kommt aber wegen geringer Fluchtgefahr wieder auf freien Fuß.

Hinweisen lange nicht beachtet

Bis ihn das Oberlandesgericht Oldenburg 2008 erstmals wegen Mordversuchs zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, arbeitet H. unter anderem in einem Altenheim. Und selbst als es in diesem ersten Prozess Hinweise auf mögliche weitere Taten gibt, bleiben die Ermittler lange untätig. Gegen zwei damals zuständige Staatsanwälte wird deshalb wegen Strafvereitlung im Amt ermittelt.

Mittlerweile wird in knapp 200 Todesfällen untersucht, ob H. als Täter in Frage kommt. Und daran wird auch die Einlassung des Angeklagten nichts ändern, wie Martin Rüppell, Sprecher der Staatsanwaltschaft, versichert: „Unsere Ermittlungen gehen in vollem Umfang weiter.“