Klappe halten kann Freundschaften retten

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Essen. Ich plädiere für eine Stopp-Taste für unerträgliche Gesprächssituationen. Dann spulen wir alle zurück und versuchen es, um eine schlechte Erfahrung klüger, wieder von vorne. Manche Leute sollten den Knopf fest installiert haben – Linda zum Beispiel, Freundin aus Kindertagen.

Unsere alte Schulfreundin Linda war zu Besuch in der Heimat und hatte ihren Freund zur Begutachtung mitgebracht. Da waren wir nun, Linda und Marc, Jule mit ihrem Aktuellen, Heiko, und ich. Alle in Tines Küche vereint. Wir versuchten seit nunmehr zwei Stunden, ein Gespräch fortzusetzen, das vor einem gefühlten Jahrzehnt unterbrochen worden war.

Das Geräusch rührender Löffel

„Noch jemand Tee?“, fragte Tine.

„Ja, gern.“

„Ach, ich auch noch – danke!“

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„Wann warst du eigentlich zuletzt hier?“, fragte Jule in das Geräusch rührender Löffel hinein.

„Ach, das muss schon ein Weilchen her sein – Oktober?“, überlegte Linda. „Oktober! Da warst du jedenfalls noch mit Michi zusammen, Jule.“

„Kann nicht sein“, widersprach Jule entschieden. „Das war schon vorbei.“

„Im September waren wir doch zusammen im Urlaub“, merkte Heiko an.

„Ja, eben.“

Eben, dachte ich. Genau deshalb redet Michi kein Wort mehr mit Jule. Weil nämlich sowohl Linda als auch Heiko recht haben.

„Ist ja komisch“, überlegte Linda. „Und ich hätte schwören können, wir wären noch mal alle zusammen unterwegs gewesen auf der Kirmes. Dann warst du das wohl, Heiko.“

Heiko sagte nichts und warf Jule einen nachdenklichen Seitenblick zu. Jule lächelte schief.

Was Marc vom Abenteuer-Spielplatz mitbrachte

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Konzentriertes Rühren in den Tassen. „Wo hast du den denn her?“

„Wen?“

„Den Tee. Der ist lecker.“

„Von Aldi.“

Die Gesprächssituation war verbesserungswürdig und sie wurde nicht erträglicher, als Linda für Konversation sorgen wollte. „Ach, das hab’ ich noch gar nicht erzählt: Marc hat vor zwei Monaten Läuse mit nach Hause gebracht. Da hat er doch dieses Abenteur-Spielplatz-Projekt betreut, total toll. Aber der eine Junge hat dann die ganze Klasse angesteckt. Und Marc.“ Sie kicherte. Man spürte, wie ein Ruck durch den Raum ging, ein Ruck, bei dem wir alle ein wenig von den beiden abrückten. Marc, den wir vor anderthalb Stunden erst kennen gelernt hatten, hangelte errötend nach einer Wasserflasche. Nur Heiko schien nicht ganz bei der Sache.

Simuliertes Verschlucken

„Und, wieder weg?“, fragte Jule mit kaum verhohlener Besorgnis. „Doch, doch“, bemerkte Marc knapp. „Alles prima.“

Nun, wo sich ein Thema aufgetan hatte, war Linda nicht mehr zu bremsen. „Das hat aber ganz schön gedauert. Und das Mittel war so aggressiv, dass die Kopfhaut sich entzündet hat. Ganz übel!“ Mein Blick irrte über den Küchentisch, auf der Suche nach dem Aus-Knopf. „Und nach Tagen sind immer noch Nissen im Kamm hängen geblieben!“

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Man müsste auch schweigen können

Linda verstand die Aufregung nicht. „Ach, komm, Marc, das ist doch was ganz Natürliches! Jule hatte in der Grundschule sogar mal Würmer!“ Danach spulte die Situation zwar leider nicht zurück, aber ich stellte mit Interesse fest, dass die Zeitlupe einsetzte. Während ich von einem nicht mehr zurückzuhaltenden Lachanfall geschüttelt wurde, ergoss sich der Inhalt von Marcs Wasserglas über den Erdbeerkuchen, und auf Heikos Gesicht dämmerte die Erkenntnis. Linda zuckte die Achseln.

Themen, über die wir zum Glück nicht mehr geredet haben an jenem Nachmittag: Dass der Michi letzten Oktober auch nicht untätig zuhause gesessen hat, während Jule mit Heiko auf Sardinien war. Dass sich Jule in der achten Klasse offenbar noch einmal bei ihrem Rauhaardackel mit Würmern angesteckt hatte. Oder dass ich… aber lassen wir das lieber. Gute Freunde sollten auch zusammen schweigen können. Besonders, wenn sie gute Freunde bleiben wollen.

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