„Kir Royal“-Regisseur Helmut Dietl erlag Krebskrankheit

Das Glamour-Paar der 90er: Regisseur Helmut Dietl und Schauspielerin Veronica Ferres.
Das Glamour-Paar der 90er: Regisseur Helmut Dietl und Schauspielerin Veronica Ferres.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Er machte auch Kino, aber unerreicht war er im Fernsehen. Helmut Dietl schenkte uns Serien wie „Monaco Franze“ und „Kir Royal“. Jetzt starb er mit 70 Jahren.

München.. Im vorigen Herbst, kurz nach seinem Siebzigsten, war er noch optimistisch. „Das Karzinom ist kleiner geworden“, sagte Helmut Dietl damals. Doch letztlich war der Lungenkrebs stärker als der Kult-Regisseur. Am Montag erlag er der Krankheit, wie es hieß, im engsten Familienkreis.

Dem gebürtigen Oberbayern gelang etwas, was nur ganz wenige Künstler schaffen: Er prägte die kollektive Erinnerung einer ganzen Generation im alten Westdeutschland so stark wie sonst kaum jemand. Auch wenn sich Dietl später aufs Kino verlegte – seine große Stärke war die TV-Serie.

„Der ganz normale Wahsinn“ interessierte ihn zeitlebens

Ihn interessierte, wie es der Titel eines Zwölfteilers in den 70ern auf den Punkt brachte, „der ganz normale Wahnsinn“. Dietls Geschichten wurzelten im Alltag, und oft war die Zuspitzung so fein, dass sie vielen Zeitgenossen kaum auffiel.

TV-Schelte Wie in „Monaco Franze“. Der Zehnteiler von 1983 enthielt bereits vieles, was Dietl drei Jahre später in seiner sechsteiligen Serie „Kir Royal“ zu bisher unerreichter Meisterschaft führen sollte: Sein Held war ein Schlawiner im Leben wie in der Liebe. Auch wenn er sich stets bewusst war, aus kleinen Verhältnissen zu stammen, hatte er niemals übertriebenen Respekt vor Geld und Macht – im Gegenteil. Das entsprach dem Zeitgeist der aufmüpfigen Generation ‘68.

Dietl besetzte die Hauptrollen in beiden Serien mit bayerischen Urviechern, die Lokalkolorit garantierten: Helmut Fischer spielte nicht nur Monaco Franze; er war es. Dasselbe gilt für Franz Xaver Kroetz als Sensationsreporter Baby Schimmerlos, der in Münchens Bussi-Bussi-Gesellschaft den Szene-Trunk Kir Royal schlürfte – in der Hoffnung, Skandale und Skandälchen zu enthüllen.

Seine Geschichten waren regional – provinziell waren sie nie

Dennoch waren Dietls „Münchner Geschichten“ – ein weiterer Serientitel – niemals provinziell. Vielmehr gelang ihnen die Balance zwischen der Bodenständigkeit der Kleine-Leute-Welt und großstädtischem Glanz. Trotz bayerischer Färbung spiegelte Dietls München im Kleinen, was die Bundesrepublik im Großen bewegte.

Etwa, dass das Wirtschaftswunder zuweilen wunderliche Typen hervorbrachte. So zeigte Dietl, wie Millionen, Moral und Manieren kollidieren. Die Szene, in der Mario Adorf als Neureicher in breitem Rheinisch zu Schimmerlos sagt: „Isch geb’ Dir tausend Mark – dann biste mein Knescht“, ist eine Ikone der Fernsehkultur, die den Widerspruch zwischen gefühlter Größe und tatsächlichem Größenwahn prägnant verdichtet hat.

Dietl wurde zum Großmeister der deutschen Serie, weil er mit Patrick Süskind einen kongenialen Drehbuch-Autor hatte. Süskind hatte ein feines Gehör für volkstümliche Redensarten und zugleich ein Gespür für geschliffene Dialoge.

Später weitete Dietl seinen Horizont. Die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher im „stern“ inspirierte ihn 1992 zu der herrlichen Gesellschaftssatire „Schtonk“ mit Götz George.

Dietl selbst hatte zur vornehmen Gesellschaft ein zwiespältiges Verhältnis. Auch wenn er sie immer wieder ironisierte – der Lebemann liebte durchaus Glanz und Gloria. So präsentierte sich der Regisseur gern mit seiner zeitweiligen Partnerin Veronica Ferres, die er als Schauspielerin entdeckt hatte. Im vorigen Herbst nahm er strahlend den Bambi fürs Lebenswerk entgegen. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.