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Medizinethik

„Keine Abtreibung“: US-Leihmutter streitet um Wunschbabys

27.02.2016 | 13:06 Uhr
„Keine Abtreibung“: US-Leihmutter streitet um Wunschbabys
In den USA ist Leihmutterschaft ein boomender Markt.Foto: dpa

Los Angeles.  Eine Leihmutter in den USA bekommt Drillinge, ihr „Kunde“ will eines der Babys abtreiben lassen – ein bizarrer Rechtsstreit entbrennt.

Melissa Cook (47) hat Drillinge in ihrem schon recht stattlichen Bauch. Voraussichtlich im März sollen die drei kleinen Jungen in Kalifornien geboren werden. Was danach mit ihnen passiert, ist offen. Denn zwischen Cook, die als Leihmutter die Babys austrägt, und ihrem Vertragspartner, einem 50-jährigen Postangestellten aus Georgia, ist ein komplizierter Rechtsstreit um mindestens eines der ungeborenen Kinder entbrannt. Warum? Der Vater verlangte die Abtreibung eines Babys, die Leihmutter weigerte sich.

In Sachen Reproduktionsmedizin und Leihmutterschaft, die auch für die wachsende Zahl gleichgeschlechtlicher Paare mit Kinderwunsch eine wichtige Option sind, gibt es in den USA noch einige offene Fragen. Dazu gehören: Kann man eine Leihmutter zur Abtreibung eines Kindes zwingen? Sollten Hochrisiko-Schwangerschaften mit Mehrlingen bewusst herbeigeführt werden? Und wer trägt die – finanzielle – Verantwortung, wenn alles nicht so läuft wie geplant?

Augen- und Haarfarbe auf Bestellung

Fertilitätszentren sind in Amerika ein lukrativer Markt. Das Angebot zur Erfüllung eines Kinderwunschs reicht noch weiter als in Europa und umfasst zunehmend auch die Frage: Sohn oder Tochter? Der Reproduktionsmediziner Jeffrey Steinberg, mit seinen „Fertility Institutes“ in Los Angeles einer der Top-Player auf dem Feld, spricht hierbei vom „Family Balancing“. Auch die Möglichkeit, Augen- oder Haarfarbe durch genetisches Screening der Embryonen vorab zu bestimmen, möchte er anbieten, sobald dies technisch möglich ist.

Anders als in den meisten Ländern Europas ist in den USA auch Leihmutterschaft möglich. Nur vier Bundesstaaten und die Hauptstadt Washington verbieten es definitiv. In acht Bundesstaaten – darunter Kalifornien – ist das Thema Leihmutterschaft relativ freizügig geregelt. Alle anderen gestatten kommerzielle Leihmutterschaften unter bestimmten Auflagen oder haben gar keine gesetzlichen Regelungen.

33.000 Dollar für eine erfolgreiche Schwangerschaft

Auch Melissa Cook, selbst vierfache Mutter, ist eine solche Leihmutter. Schon zum zweiten Mal entscheidet sie sich 2015 zu dem Schritt. Aus Menschenliebe und weil sie Geld braucht, wie ihr Anwalt Harold Cassidy sagt.

Trotz ihres Alters findet die 47-Jährige eine Agentur, die sie recht unkompliziert an den alleinstehenden 50-Jährigen vermittelt. Der wünscht sich sehnlichst männlichen Nachwuchs, spendet Samen, bezahlt eine Eizellen-Spenderin und schließt mit Cook einen Vertrag: 33.000 US-Dollar soll sie für die erfolgreiche Schwangerschaft und Entbindung eines Kindes bekommen, weitere 6000 Dollar, falls es mehrere Kinder sein sollten.

Drei Kinder sind dem Vater dann doch zuviel

Mediziner Steinberg pflanzt Melissa Cook daraufhin drei vorsortierte, männliche Embryonen ein. Und dies, obwohl die Eizellenspenderin noch jung und ein erfolgreiches Einnisten aller Embryonen damit durchaus wahrscheinlich ist.

Tatsächlich entwickeln sich nun drei Babys. Dem werdenden Vater ist das zu viel. Er sorgt sich laut seinem Anwalt Robert Walmsley nicht nur wegen des höheren Risikos für seine Kinder, das durch eine Drillingsschwangerschaft entsteht. Auch das Geld wird knapp, sein Erspartes schmilzt durch höhere Arztkosten dahin.

Leihmutter Cook muss bald wegen Schwangerschaftsdiabetes kürzer treten und erfährt, dass ihre Krankenkasse die Ausgaben für Komplikationen einer Leihmutterschaft-Schwangerschaft gar nicht abdeckt.

Die Leihmutter bietet an, das dritte Kind selbst aufzuziehen

Der überforderte Vater fordert Cook auf, eines der drei Babys abzutreiben – zu „reduzieren“, wie die in der Reproduktionsmedizin nicht unübliche Praxis genannt wird. Sie aber weigert sich. „Alle Babys sind gesund und ich bin für das Leben“, sagt Leihmutter Cook laut „Washington Post“. Sie macht das Angebot, das „überzählige“ Baby nach der Entbindung selbst großzuziehen. Aber das lehnt der Vater ebenso ab wie eine Freigabe zur Adoption. Stattdessen entscheidet er sich schließlich, doch alle drei Kinder aufzuziehen – aber nun mag Cook nicht mehr.

Sie sucht die Hilfe von Anwalt Cassidy, einem konservativen Abtreibungs- und auch Adoptionsgegner. Der soll nun für sie vor dem Supreme Court in Los Angeles erstreiten, dass Cook die legale Mutter der Drillinge ist, zwar nicht biologisch, aber allein durch die Tatsache, dass sie mit ihnen schwanger ist. Die Mutter-Kind-Beziehung sei eine besondere, die Frau sei keinesfalls nur ein „brütendes Tier“, betont Cassidy. Die Aussichten auf einen Erfolg der Klage sind allerdings gering.

Der Fall wirft Schlaglicht auf ungelöste Fragen

Der Streit um das Schicksal von Leihmutter-Babys ist nicht der erste dieser Art in den USA. Für viele wirft er ein Schlaglicht auf rechtliche Grauzonen, mangelnden finanziellen Schutz für Leihmütter und fehlende Überprüfungen bei den Auftraggebern.

„Die Frage für mich ist, bis zu welchem Maß wir überhaupt Verträge nutzen sollten, um Befruchtung, Schwangerschaft, Entbindung und die Übertragung elterlicher Rechte zu regeln, vor allem im kommerziellen Umfeld“, kommentiert Jura-Professorin Lisa Ikemoto von der Universität von Kalifornien auf dem Portal „Slate“. „Vielleicht gehen wir da ein bisschen zu weit.“

Sollten die Auftraggeber besser überprüft werden?

Der Medizinethiker Art Caplan von der Universität New York hält es für sinnvoll, Auftraggeber einer Leihmutterschaft ähnlich zu überprüfen wie Adoptionsbewerber: „Es sollte einen Hausbesuch geben, um zu sehen, dass derjenige überhaupt ein Zuhause hat, keine Kinder missbraucht und über die finanziellen Ressourcen verfügt, um ein Kind aufzuziehen.“ Er könne sich auch Situationen vorstellen, in denen ein Kind besser bei der Leihmutter aufgehoben sei.

Robert Walmsley, der Anwalt des Vaters, lehnt eine solche Regelung ab, es lade zu viel Verantwortung auf die Leihmütter ab: „Ich will nicht, dass Eltern in spe diese Kinder erst entstehen lassen und dann sagen können: ,Wir haben es uns anders überlegt.’“ Auch Diane Hinson, Gründerin einer Firma, die Leihmütter vermittelt, hofft, dass Melissa Cooks Anwalt mit der Klage nicht durchkommt: „Es gibt so viele Menschen, die ohne eine Leihmutter keine eigene Familie aufbauen können.“ (dpa)

Kommentare
29.02.2016
12:18
„Keine Abtreibung“: US-Leihmutter streitet um Wunschbabys
von Tombouctou | #1

Die 47-Jährige Leihmutter in den USA!! Unerhört. Drillinge! Unerhört!
Meine Freunde hatten in der Ukraine die 36- jährige Leihmutter beauftragt, die...
Weiterlesen

1 Antwort
„Keine Abtreibung“: US-Leihmutter streitet um Wunschbabys
von Despair | #1-1

Drei Kinder sind dem Vater dann doch zuviel und der Leihmutter, die alles aus purer Menschenliebe tut - nicht zuviel, dann wundert sie sich noch über Schwangerschaftsdiabetes..
Außerdem bietet die Leihmutter an, das dritte Kind selbst aufzuziehen, wie im Fall des kleinen Gammy.

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2016-02-27 13:06
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