Kein Job für Knochenbrecher
25.01.2009 | 21:09 Uhr 2009-01-25T21:09:00+0100Alternative Heilmethoden sind „in” – auch für Tiere. Egal, ob Homöopathie, Akupunktur, Bachblüten oder Osteopathie – immer weniger Tierhalter vertrauen ihr Tier einem Tierarzt an, sondern lassen es von Tierheilpraktikern behandeln.
Den wenigsten ist dabei klar, dass diese Berufsbezeichnung nicht geschützt ist und viele Anbieter über keine oder nur eine mangelhafte Ausbildung verfügen. Doch auch Tierärzte schauen über den Tellerrand der klassischen Schulmedizin – und bieten mittlerweile das gesamte Spektrum alternativer Heilkunst als geprüfte Spezialisten an. Die Begriffe sind jedoch gleichermaßen verwirrend. Was zum Beispiel macht eigentlich ein Chiropraktiker? Um das herauszufinden, hat die Autorin eine chiropraktisch tätige Tierärztin bei der Arbeit begleitet.
Es ist Freitagabend, 18 Uhr, wir treffen uns bei einer Klientin. Dr. Nicole Schumann wartet schon vor der Tür – wie viele andere Tierärzte hat auch sie am meisten zu tun, wenn andere Feierabend machen und dann erst Zeit für ihre Tiere finden. In ihrem Fachgebiet Chiropraktik bei Tieren ist sie eine von wenigen Experten im Umkreis, daher sind Anfahrten von 200 km und mehr keine Seltenheit.
Die Patientin Kerry ist eine Stammkundin, eine zweijährige belgische Schäferhündin, die diesmal Probleme beim Aufstehen hat: „Dieser Hund hat ständig Probleme mit den Gelenken”, erzählt die Besitzerin Alexandra Finke. „Wir haben schon drei verschiedene schulmedizinische Tierärzte aufgesucht, immer hieß es ,Sie hat sich nur versprungen, das wird schon wieder' oder sie bekam Vitamin- oder Schmerzspritzen, aber wirklich geholfen hat ihr das nicht."
So hat Alexandra Finke über das Internet nach Alternativen gesucht und ist auf die spezialisierte Tierärztin gestoßen. „Schon nach der ersten Behandlung ging es Kerry deutlich besser, mittlerweile freut sie sich richtig, wenn die Frau Doktor kommt, und lässt sich ganz entspannt untersuchen.”
Schon in der Antike beschriebene Heilmethode
Die Expertin erläutert: „Kerry hatte zu Beginn mehrere Probleme an verschiedenen Stellen. Man sieht oft, dass bei einer Blockade in einem bestimmten Wirbelbereich Überbelastungen an ganz anderer Stelle auftreten, weil der Körper versucht, Einschränkungen der Beweglichkeit anderweitig auszugleichen. Anfangs bin ich alle zwei Wochen zur Behandlung hier gewesen, denn die Muskulatur musste sich an die neue Beweglichkeit erst wieder anpassen. Bei chronischen Beschwerden dauert es seine Zeit, bis der Körper die vermeintliche Schonhaltung wieder aufgibt.”
Innerhalb weniger Monate hat sich Kerrys Allgemeinbefinden sehr gebessert: Die chronischen Beschwerden sind verschwunden. Neue, akute Beschwerden bekommt Nicole Schumann in der Regel schnell in den Griff.
Das ist eine sehr passende Redewendung, um die Tätigkeit eines Chiropraktikers zu beschreiben. Bei dieser schon in der Antike beschriebenen Heilmethode wird ausschließlich mit den Händen gearbeitet, daher der Begriff „manuelle Therapie”. Die neuzeitliche Chiropraktik wurde 1895 in Amerika entwickelt. In der Pferdemedizin findet sie seit etwa 20 Jahren vermehrt Anwendung als Ergänzung zur traditionellen Veterinärmedizin, seit einigen Jahren auch bei Kleintieren.
Bei der chiropraktischen Un-tersuchung werden die Beweglichkeit und Position der Wirbel-, Kiefer- und Gliedmaßengelenke überprüft. Der Wirbelsäule gilt ein besonderes Augenmerk. Durch mechanische Einflüsse verschiedenster Art wie z.B. Stürze oder stolpern, falsche Ausrüstung, Sitzprobleme des Reiters, einseitiges Training und vieles mehr kann es zu Blockaden einzelner Wirbelgelenke kommen.
Das sind kleine Bewegungseinschränkungen oder Positionsveränderungen der Wirbel, die diverse Störungen bewirken können: Das Zusammenspiel zwischen Nerven, Muskeln und Skelett funktioniert nicht mehr perfekt, die Flexibilität der Wirbelsäule wird eingeschränkt, Schmerzen bewirken eine verspannte Körperhaltung, weitere Fehlbelastungen entstehen, kurz: Ein Teufelskreis.
Vielfältige Symptome können auftreten - von allgemein verminderter Leistungsfähigkeit, Ungehorsam und Berührungsempfindlichkeiten über Taktfehler, Schwierigkeiten mit bestimmten Bewegungen bis hin zu deutlichen Lahmheiten.
Kurze Hebelwege und der richtige Winkel zum Gelenk
Chiropraktiker sind in der Lage, solche Blockaden aufzuspüren und mit speziellen Handgriffen zu lösen. Das nennt man „Adjustment” oder „Feinjustierung”. Entscheidend dabei sind sehr kurze Hebelwege und der richtige Winkel zum Gelenk. Mit fundierten Anatomiekenntnissen und kleinen, aber schnellen und zielgerichteten Bewegungen kann man schonend die Position der Wirbel korrigieren. Der Einsatz von Gummihämmern oder das Reißen an den Beinen hat nichts mit Chiropraktik zu tun!
Im Internet konkurrieren Laienpraktiker neben Human- und Veterinärchiropraktikern. Nicht immer ist die Art der Ausbildung ersichtlich, und irreführende Werbung erschwert die Auswahl ungemein. Warum hat Alexandra Finke sich ausgerechnet für Dr. Schumann entschieden? „Man hört ja immer wieder von Scharlatanen, die mehr Schaden anrichten als heilen. Mir ist wichtig, dass ein Chiropraktiker auch weiß, wo seine Grenzen liegen.” Im Gegensatz zu manchem Laientherapeuten können Tierärzte auch Krankheiten erkennen, die sich mit Chiropraktik nicht heilen lassen.
0mitdiskutieren