Kanye West macht Grammy-Verleihung fast zum Skandal

Abräumer: Sänger Sam Smith hat Grammys in vier Kategorien geholt.
Abräumer: Sänger Sam Smith hat Grammys in vier Kategorien geholt.
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Was wir bereits wissen
Newcomer, Song, Aufnahme, Pop-Album: Sam Smith hat in vier Kategorien einen Grammy abgeräumt. Im Klassikbereich triumphierten die Deutschen.

Los Angeles.. Natürlich hätte sie ihn ratzfatz von der Bühne singen können. Aber Mary J. Blidge weiß, was sich gehört, wenn man bei den Grammys mit dem pausbäckig-verlegenen Star des Abends zu duettieren hat. Noch dazu dessen Super-Hit. Darum lieh die schwarze R & B-Diva bei „Stay With Me“ ihr außerordentliches Gesangsorgan der hellhäutigen Hauptperson aus dem Vereinigten Königreich nur auf Sparflamme.

Sam Smith, erst 22 und vor zwei Jahren noch völlig unbekannt, drückte wie weiland die wunderbare Adele, ebenfalls great und aus Britain, der Leistungsshow des amerikanischen Musikgewerbes seinen Stempel auf. Vier goldene Grammophone - bester neuer Künstler, bestes Lied, bestes Pop-Gesangsalbum („In the Lonely Hour“), beste Aufnahme des Jahres - stellten im Staples Center von Los Angeles alles in den Schatten.

Beck gelingt Überraschungserfolg mit "Morning Phase"

Wäre nicht der verhuschte Pop-Collagen-König David Campbell Beck alias „Beck“ gewesen, um sich 23 Jahre nach „Loser“ für „Morning Phase“ die Meriten für das beste Album des Jahres abzuholen, Smiths Durchmarsch hätte die Dimension des Unheimlichen erreicht. Und Kanye West wahrscheinlich wirklich den Abend sprengen lassen.

Der selbstgefälligste Großsprecher unter den Großsprechern des Hip-Hop war kurz davor, wie einst bei Taylor Swift vor laufender Kamera die Preisübergabe an Herrn Beck zu unterbrechen. Weil er dessen esoterisch-folkiges Gesummes offenkundig für vergleichsweise wenig auszeichnungswürdig hält. „Er sollte die Kunst respektieren“, sagte West später ernsthaft einem Trallafitti-Sender, „und seinen Preis an Beyoncé abgeben.“ Die zuckerglasierte Über-Frau der Branche bekam drei Grammys (etwa für „Drunk in Love“). Ebenso wie der oberste Glücklich-Macher Pharrell „Happy“ Williams. Nur nicht in Kategorien, die als kriegsentscheidend gelten.

Aus deutscher Sicht hatte Hans Zimmer mit Abstand den besten Abend, wenn auch keinen Preis. Der aus dem Hessischen stammende Hollywood-Film-Komponist durfte bei Pharrell Williams überkandidelter „Happy“-Aufführung (mit Lang Lang am Klavier) ganz vorn an der Bühne mitzappeln. Im Wettbewerb selbst sicherte sich das Klassiklabel CPO aus Georgsmarienhütte den Preis für die beste Opernaufnahme („La descente d'Orphée aux enfers“). Die Deutsche Grammophon wurde für ein Album der amerikanischen Geigerin Hilary Hahn in der Sektion Kammermusik prämiert.

Musik Nachdem die australischen Schwermetaller von AC/DC mit uralt erdigem Material („Highway To Hell“) das Eis gebrochen hatten, ging alles erwartungsgemäß seinen Gang. Dauer-Moderator LL Cool J, wieder mit Schlägermütze und Oberkellner-Sakko, übertrug die erste von 83 Preisvergaben an Taylor Swift. Die wiederum bediente herzallerliebst mit Sam Smith den Mann des Abends. Aus dessen weinrotem Anzugskragen verlautete verlegen: „Oh, mein Gott!“ Erst später taute die männliche Version von Norah Jones etwas auf und erzählte sympathisch davon, dass er früher alles versucht habe, um mit seinen aufs Gemüt zielenden Soul-Balladen gehört zu werden. „Sogar abgenommen habe ich. Aber erst als ich zur mir selbst fand, begann die Musik zu fließen.“

Dreieinhalb Stunden – ermüdend lange Grammy-Show

Was man der mit dreieinhalb Stunden ermüdend langen Grammy-Show nicht nachrufen kann. Was Madonna in mit ihrem zwischen Matadorinnen-Getue und Erweckungs-Gottesdienst angesiedelten Beitrag zum Ausdruck bringen wollte, erschloss sich bis auf den Refra in nicht wirklich: Leben für die Liebe. Unter den traditionell gewagten Live-Kooperationen dürfte einzig Annie Lennox‘ fulminanter Beitrag zu „Hoziers“ kirchenschiffschaukeligem „Take Me to Church“ in Erinnerung bleiben.

Popmusik Ebenso die weltmeisterlich besetzte Band, die dem rothaarigen Britpopper Ed Sheeran zuarbeitete: John Mayer (Gitarre), Herbie Hancock (Piano) und Questlove (Schlagzeug). Dass Alt-Beatle Paul McCartney (72) bei „Four Five Seconds“ Rihanna und Kanye West mit Gitarrenschrummelei und Gesang sekundierte, fiel wegen Unhörbarkeit nicht weiter auf.

Zu den schönsten Momenten des Abends darf (neben einem kleinen Blindekuh-Spiel von Stevie Wonder und Jamie Foxx alias Ray Charles) der Auftritt des ganz in Plastik-Orange gewandeten „Prince“ gezählt werden. Mochte Präsident Obama, zugeschaltet per Video-Konserve auch vorher ausgiebig gegen Gewalt gegen Frauen sprechen, dem hymnisch verehrten dünnen Männchen reichte ein einziger Satz, um im rassistisch gerade wieder schwer aufgeladenen Amerika politisch zu werden: „Plattenalben zählen immer noch. Genauso wie Schwarze und Bücher.“

Insgesamt wurden die Grammys, die als die wichtigsten Musikpreise der Welt gelten, in mehr als 80 Kategorien verliehen. Über die Sieger entscheiden rund 13 000 Experten aus der Branche. (dpa)

Liste der wichtigsten Grammy-Gewinner 2015

In 83 Kategorien hatten die Künstlre eine Chance auf einen Preis. Hier die Liste der wichtigsten Grammys 2015:

  • Aufnahme des Jahres: Sam Smith "Stay With Me"
  • Album des Jahres: Beck "Morning Phase"
  • Song des Jahres: Sam Smith "Stay With Me"
  • Bester Newcomer: Sam Smith
  • Beste Pop-Solo-Performance: Pharrell Williams "Happy"
  • Beste Pop-Duo-Performance: A Great Big World & Christina Aguilera "Say Something"
  • Bestes Popgesangs-Album: Sam Smith "In The Lonely Hour"
  • Bestes traditionelles Popgesangs-Album: Tony Bennett & Lady Gaga "Cheek To Cheek"
  • Bestes Rock-Album: Beck "Morning Phase"
  • Bester R&B-Song: Beyoncé "Drunk In Love"
  • Bestes zeitgenössisches Album: Pharrell Williams "Girl"

Alle Gewinner des Grammy-Abends gibt's hier.