Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Gericht

Justizopfer stoppt die Todestrafe im US-Staat Maryland

22.03.2013 | 16:55 Uhr
Justizopfer stoppt die Todestrafe im US-Staat Maryland
Kirk Bloodsworth im Moment seines größten Triumpfes. Er hat dazu beigetragen, dass im US-Bundesstaat Maryland die Todesstrafe abgeschafft wurde.Foto: ap

Annapolis.   Zu Unrecht saß Kirk Bloodsworth fast neun Jahre im Gefängnis. Zwei davon verbrachte er im Todestrakt. Erst ein DNA-Test konnte seine Unschuld in einem Mordfall an einem neunjährigen Mädchen beweisen. Nun, 20 Jahre nach Bloodsworths Freilassung, hat Maryland die Todesstrafe abgeschafft - maßgeblich auf sein Betreiben hin.

Als Kirk Bloodsworth im Parlament von Annapolis die Arme hochreißt und mit Tränen in den Augen dem lieben Gott dankt, wölbt sich sein mächtiger Brustkorb wie früher, als der Sohn eines Krabbenfischers professioneller Diskuswerfer war. Kurz zuvor hat das Repräsentantenhaus von Maryland mit 88 zu 56 Stimmen jenes Instrument der US-Justiz aus den Gesetzbüchern gestrichen, das Bloodsworth beinahe das Leben gekostet hätte: die Todesstrafe.

Acht Jahre, zehn Monate und 19 Tage saß der bullige Mann mit dem weißen Kinnbart im übel beleumundeten Staatsgefängnis von Baltimore. Zwei Jahre davon im Todestrakt. Weil er 1984 ein neun Jahre altes Mädchen vergewaltigt und auf bestialische Weise ermordet haben soll. Seinen Beteuerungen, unschuldig zu sein, schenkten weder Jury noch Richter Gehör. Bis sie nicht mehr anders konnten.

Die Zustimmung der Bevölkerung schwindet

„Mit einem genetischen Fingerabdruck wollte ich nachweisen, dass ich Opfer eines Justiz-Irrtums war“, sagt Bloodsworth beim Interview mit der WAZ-Mediengruppe in einem kleinen Café in der Nähe des Hafens von Annapolis, der Hauptstadt von Maryland. Der Test blieb ihm zunächst verwehrt. Die Unterwäsche des Opfers Dawn Hamilton, auf dem Spermaflecken waren, war jahrelang verschwunden. Als das Corpus delicti im Gerichtsgebäude wieder auftauchte, war Bloodsworth gerettet. Die genetische Probe ergab zweifelsfrei eine andere Täterschaft.

Lesen Sie auch:
Gerichte blockieren Hinrichtung eines geistig Behinderten

Ein geistig behinderter Doppelmörder im US-Bundesstaat Georgia bleibt bis auf weiteres von seiner Hinrichtung verschont. Warren Hill hat einen Intelligenzquotienten von 70. Geistig Behinderte dürfen in Amerika nach einem Urteil des Obersten Gerichtshofes aus dem Jahr 2002 nicht hingerichtet werden.

1993 kam Bloodsworth mit einer Entschädigungszahlung von 300.000 Dollar frei. Einer von 142 Todeszellen-Kandidaten, die in den USA entlassen wurden, weil die Beweise gegen sie nicht trugen – und der erste in ganz Amerika, den allein die Erbmerkmale als unschuldig ausgewiesen haben. Seither reist der heute 52-Jährige als „Prediger gegen die Todesstrafe“ durchs Land, schreibt als Galionsfigur der in Philadelphia beheimateten Lobby-Gruppe „Zeugen der Unschuld“ Bücher, geht in Fernsehstudios und propagiert im Radio ohne Unterlass die Abschaffung der „death penalty“. Sein Schlüsselsatz: „Wir müssen endlich damit aufhören, uns zu töten.“ Lebenslänglich ohne die Möglichkeit der Begnadigung, das ist für ihn die „allein angemessene Maximalstrafe“.

Der Zellennachbar war der wahre Mörder

Dass sein Heimatstaat Maryland, wo die Eltern in der Chesapeak Bay eine nach der Familie benannte Insel besitzen, nun der 18. Gliedstaat in den USA ist, der das staatliche Töten einstellt, ist ohne Bloodsworths Einsatz kaum denkbar.

Lesen Sie auch:
Hunderte Justizirrtümer: Tödliche Vertuschung beim FBI

Bereits Mitte der 90er-Jahre wusste die US-Regierung um eklatante Fehlerquellen in Untersuchungslaboren der Bundespolizei FBI. Die Ergebnisse wurden viele Jahre zurückgehalten. Unschuldige blieben hinter Gitter oder wurden hingerichtet

Der demokratische Gouverneur Martin O’Malley, der das Gesetz bald unterzeichnet, ließ seinen Dank für das Engagement des Mannes ausrichten, der in Annapolis so bekannt ist wie ein bunter Hund. „Ich glaube, dass niemand so viel bewirkt hat wie Kirk“, erklärt Jane Henderson von der Anti-Todesstrafengruppe „Maryland Citizens Against State Executions“: „Er kann sich gewählt ausdrücken, hat Geduld und ein großes Herz.“

Und wie groß. Für einen Mann, dem das Unrecht fast ein Jahrzehnt geraubt hat, dem Ehe und Freunde weggebrochen sind, der sich fast an den Alkohol verloren hätte, wirkt Bloodsworth unverbittert und beinahe sanft. „Mein Glaube hat mir geholfen“, sagt der engagierte Katholik über seinen Kaffee gebeugt. Und fügt hinzu: „Was ich damals im Knast nicht wusste: Der echte Mörder der kleinen Dawn war ein Zellen-Nachbar, mit dem ich jeden Tag die Hanteln gestemmt habe.“

Zustimmungsrate für die Todestrafe sinkt stetig

Fälle wie der von Kirk Bloodsworth sind nach Untersuchungen von Dan Hopkins und Danny Hayses maßgeblich dafür verantwortlich, dass Amerika schleichend von der in noch 32 Bundesstaaten geltenden Todesstrafe abrückt. Die Wissenschaftler der Georgetown Universität in Washington haben herausgefunden, dass die Medien seit den 90er Jahren intensiver über fälschlicherweise Verurteilte berichten. In Umfragen sank die Zustimmungsrate zur Todesstrafe zuletzt auf 60 Prozent, der niedrigste Stand seit 40 Jahren. Vor zwei Jahrzehnten lag der Wert bei über 80.

Kirk Bloodsworth ist überzeugt: „Die Todesstrafe, die in Maryland 1638 eingeführt wurde, hat nicht einen Menschen auf diesem Planeten davor bewahrt, ermordet zu werden.“ Für das Risiko, unschuldige Menschen in den Tod zu schicken, sei er hingegen der lebende Beweis.

Dirk Hautkapp



Kommentare
24.03.2013
12:13
Justizopfer stoppt die Todestrafe im US-Staat Maryland
von Okling | #1

Lebenslang im Knast, ohne Chance auf vorzeitige Entlassung. Dazu auch noch je nach angeblicher Straftat den Repressalien der Mithäftlinge ausgesetzt.

Und das ist für die Meisten eine Alternative zur Todesstrafe? Als unschuldig Verurteilter wäre das für mich weitaus schlimmer als der Tod.

Was ist das denn für ein Leben, als Unschuldiger mit meistenteils schuldig Verurteilten Vergewaltigern und Mödern für Jahrzehnte im amerikanischen Knast zu hucken?

Aus dem Ressort
Verdacht auf Steuernhinterziehung bei Fernsehkoch Lafer
Staatsanwaltschaft
Gegen den Fernsehkoch Johann Lafer besteht der Verdacht auf Steuerhinterziehung. Am Montag durchsuchten 45 Beamte Lafers Restaurant in Stromberg und seine Kochschule in Guldental. Die Staatsanwaltschaft will die Unterlagen und elektronische Dateien auswerten.
Foodwatch sucht wieder die größten Werbelügen
Werbelügen
Hühnersuppe ohne Huhn, falsche Gesundheitsversprechen und irreführende Behauptungen. Die Verbraucher-Organisation Foodwatch vergibt wieder den "Goldenen Windbeutel" für die größte Werbelüge des Jahres. Fünf Produkte sind nominiert, den Gewinner küren die Verbraucher per Abstimmung.
Promi-Nacktbilder zeigen, wie unsicher private Daten sind
Hacker
Die Veröffentlichung gestohlener Nackfotos von Stars wie Jennifer Lawrence zeigt, wie anfällig die Datensicherheit im Internet für alle ist. Manche finden Logins mit Kennwort nicht mehr zeitgemäß. Im Netz wird aber auch eine ganz andere Frage diskutiert: Müssten Promis nicht vorsichtiger sein?
Hühnersuppe ohne Huhn - Foodwatch sucht größte Werbelügen
Werbelügen
Hühnersuppe ohne Huhn, falsche Gesundheitsversprechen und irreführende Behauptungen. Die Verbraucher-Organisation Foodwatch vergibt wieder den "Goldenen Windbeutel" für die größte Werbelüge des Jahres. Fünf Produkte sind nominiert, den Gewinner küren die Verbraucher per Abstimmung.
Pirate-Bay-Mitgründer steht in Dänemark vor Gericht
Datendiebstahl
Bis zu sechs Jahre Haft drohen dem Mitgründer der Filesharing-Website "Pirate Bay", Gottfrid Svartholm Warg. Der steht in Dänemark wegen Datendiebstahls vor Gericht. Er soll seit Frühjahr 2012 im Auftrag eines mitangeklagten Dänen öffentliche Datenbanken gehackt und Datensätze kopiert haben.
Umfrage
Bastian Schweinsteiger wird neuer Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. Was halten Sie von der Entscheidung?

Bastian Schweinsteiger wird neuer Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. Was halten Sie von der Entscheidung?