Jürgen von der Lippe – Spottdrossel und Rampensau

Keine Scheu vor kleinen Tieren: Jürgen von der Lippe mit Otter.
Keine Scheu vor kleinen Tieren: Jürgen von der Lippe mit Otter.
Foto: Martin Rottenkolber
Was wir bereits wissen
Sat.1 reaktiviert Comedy-Routinier Jürgen von der Lippe. Sein Quiz heißt „Tiere wie wir“. Bei der lustigen Rate-Runde tritt Prominenz an.

München.. Dieser Mann ist seit 35 Jahren im Geschäft. Böse Zungen haben zuletzt mehr als einmal gelästert: Er hat seine Zukunft hinter sich. Allein, er kam stets zurück. Jetzt geht er, Spottdrossel wie Rampensau, mit einer neuen Show auf Sendung. Bei Sat.1 präsentiert Jürgen von der Lippe ab sofort mittwochs, 21.15 Uhr, „Tiere wie wir“.

„Tegtmeiers Erben“ Der inzwischen 67-Jährige darf für den Münchner Sender das machen, was er am besten kann: Comedy und Quiz. Kuriose Fragen aus der Tierwelt stehen im Mittelpunkt. Zwei Promi-Mannschaften treten gegeneinander an. Ihre Teamchefs sind die Comedians Bernhard Hoëcker und Oliver Pocher. Obendrein gibt es einen Experten: Tierarzt Dr. Wolf. Das Format dürfte lustiger werden als „Die große Show der Naturwunder“ mit Frank Elstner und Ranga Yogeshwar im Ersten und ernsthafter als der Sat.1-Klassiker „Genial daneben“.

Ein verlässlicher Pointen-Lieferant

Dass Sat.1 auf den Show-Routinier zurückgriff, erzählt viel über Jürgen von der Lippe. Der gebürtige Ostwestfale ist ein heimlicher Schöngeist. Mit einem Studium der Germanistik, Philosophie und Linguistik wäre er fast in ein bürgerliches Leben abgedriftet. Doch von der Lippe schulte rechtzeitig auf Unterhalter um. Auf der Bühne hat er stets von seiner umfassenden Allgemeinbildung gezehrt, die er als Spielmaterial für seine oft überraschend intelligenten Gags nutzt.

So ist von der Lippe auch in Interviews ein verlässlicher Pointen-Lieferant. Einen Beruf mit Tieren, ließ er beispielsweise vor Kurzem wissen, könne er sich durchaus vorstellen: „Sprecherzieher für Papageien käme meinen Neigungen wohl am nächsten.“

Fröhliche Anarchie längst vorbei

Wer von der Lippe für eine Show einkauft, weiß allerdings auch, dass die Gäste für den Gastgeber da sind – und nicht etwa umgekehrt. Allein seine Optik wirkt wie ein Ausrufezeichen: Der Mann hat einen breiten Kinnbart zum Markenzeichen gemacht, und seine auffälligen Hemden, gern im grellbunten Hawaii-Design, haben immer nach Aufmerksamkeit geschrien – Gottschalk lässt grüßen.

Wohl auch deshalb lässt Sat.1 den Comedy-Routinier nicht auf Kandidaten aus dem gemeinen Volk los, sondern auf medienerfahrene Show-Teilnehmer, die dem Witze-Profi Paroli bieten können.

Flirt-Show Dass Sat.1 den inzwischen 67-Jährigen reaktiviert, erzählt zugleich eine Menge über das deutsche Privatfernsehens. Die Zeiten, als die privaten Kanäle fröhliche Anarchie für die Fernsehjugend betrieben, sind lange vorbei. Auch bei den Privaten ist der Altersschnitt des Publikums dramatisch gestiegen. Nachdem das Durchschnittsalter der Sat.1-Zuschauer 2012 bei 51 Jahren ankam, reagierte der Sender. Die werberelevante Zielgruppe wurde erweitert. Das Programm richtet sich seither nicht mehr an die berühmte Gruppe 14 bis 49; vielmehr werden die 50-Jährigen ausdrücklich einbezogen.

Das hat Konsequenzen fürs Programm. Sat.1 fördert kaum noch junge Talente. Vielmehr setzt der Sender auf erfahrenes Personal. Das erinnert, positiv betrachtet, an das Tempotuch-Prinzip: Das Publikum vertraut einem lange eingeführten Markenprodukt. Spötter indes sehen derlei Personalien eher als TV-Variante des Adenauer-Prinzips: keine Experimente.