John-Sinclair-Autor Helmut Rellergerd lehrt uns das Gruseln

Der Autor und Erfinder der John Sinclair-Hefte, Helmut Rellergerd, hat bereitsrund 400 Millionen Heftchen mit dem Geisterjäger  verkauft.
Der Autor und Erfinder der John Sinclair-Hefte, Helmut Rellergerd, hat bereitsrund 400 Millionen Heftchen mit dem Geisterjäger verkauft.
Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
An Gespenster glaubt Helmut Rellergerd, Autor der John-Sinclair-Bücher, nicht. Doch weil er in seinem Leben stets viel las, hat er sehr viel Fantasie.

Essen.. Das Grauen wohnt im Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach, erster Stock, rechte Tür. Schräge Wände, viele Regale, noch mehr Bücher. Und der Schreibtisch, an dem Helmut Rellergerd unter dem Pseudonym „Jason Dark“ das Böse zum Leben erweckt. Vampire, Werwölfe, Zombies. Aber auch den Mann, der sie alle seit mehr als 40 Jahren bekämpft. John Sinclair heißt er, Geisterjäger ist sein Beruf. In Romanen und in Hörspielen. Von letzteren ist mittlerweile Folge 100 erschienen. Die Heftchen sind kurz vor Ausgabe 2000.

Vollplaybacktheater Der Hausherr öffnet persönlich. Blauer Pulli und Jeans. Graues Haar und freundliches Lächeln. Nachmittag ist es und Rellergerd hat jetzt frei. Wie jeden Tag in den letzten 42 Jahren ist er früh am Morgen nach oben gegangen und hat sich bis mittags an seine Schreibmaschine gesetzt. Eine Olympia, Modell „Monika“. Grün mit schwarzen Tasten, Gold-Gravur an der Front. „Mittlerweile die dritte“, sagt er. Was anderes kommt ihm nicht ins Haus. Keine Elektrische, erst recht kein Computer. „Die Dinger mag ich nicht.“ Auch deshalb hat er sich neulich einen größeren Vorrat an Farbbändern zugelegt. „Sind immer schwieriger zu bekommen, die Dinger.“

Die Krimiserie „Die Zwei“ trug zur Namensfindung von "John Sinclair" bei

Seit 1973 „hackt“ Rellergerd auf den Tasten seiner Monikas herum, weil sie beim Bastei-Verlag, wo der gelernte Chemotechniker als Redakteur arbeitet, eine neue Romanserie haben wollen. Etwas unheimliches, was mit Geistern. Der gebürtige Altenaer lässt sich nicht lange bitten. Er hat nicht viel Erfahrung, aber er hat Talent. Ach weil er viel gelesen hat. „Von Goethe bis zum Gruselroman, alles was ich zwischen die Finger bekommen habe.“

Literatur Einen Helden hat er schon im Kopf. Groß, blond, gut aussehend, ein wenig orientiert er sich damals an sich selbst, wie er heute schmunzelnd zugibt. Nur einen Namen braucht er noch. Da sieht er im Fernsehen die britische 70er-Jahre-Krimiserie „Die Zwei“. Aus dem von Roger Moore gespielten Lord Brett Sinclair wird John Sinclair. Auch sein Pseudonym Jason Dark ist an einen TV-Charakter angelehnt – an den von Peter Wyngarde gespielten Jason King.

Ein John-Sinclair-Heft pro Woche, 52 pro Jahr

Sinclair wird bald der Star der Groschenromane. In den 70er-Jahren verkaufen sich die Heftchen 100.000 Mal die Woche. Der bei Scotland Yard in einer Sonderabteilung für übersinnliche Phänomene arbeitende Oberinspektor wird zu Rellergerds Lebensinhalt. Denn während Romanreihen sonst von Kollektiven aus acht bis zehn Autoren verfasst werden, schreibt der zweifache Vater jede Zeile selber. Ein Heft pro Woche, 52 Hefte im Jahr. „Anfangs hat keiner geglaubt, dass ich das schaffe.“ Er schafft es. Bis Ehefrau Roswitha an seinem 70. Geburtstag sagt, er müsse jetzt mal kürzer treten. „Und wer will schon Krach mit der Frau?“ Seitdem dürfen auch mal andere Autoren ran.

Thriller Während Rellergerd zum Rentner wird, bleibt Sinclair immer jung, wird nur „abgeklärter“, ist kein „Haudrauf“ mehr. Und anders als sein Erfinder geht der Geisterjäger mit der Zeit, nutzt Smartphones und das Internet. „Meine Kinder und Enkel erklären mir das alles“, sagt der Autor. In London, wo Sinclair seit mehr als vier Jahrzehnten ermittelt, war Rellergerd übrigens auch noch nie. Kein Problem für ihn: „Es gibt doch gute Stadtpläne.“

Aufhören zu schreiben kommt nicht in Frage

Rund 400 Millionen Mal haben sich die Heftchen mit dem Geisterjäger verkauft. Mehr hat kein anderer deutscher Autor geschafft. „In den USA wäre ich steinreich“, sagt Rellergerd. In Deutschland ist er es nicht, erklärt er. Denn der Verlag zahlt pauschal. Angeblich, so munkelt man, rund 1 500 Euro pro Heft. „Es reicht, um gut zu leben“, so Rellergerd.

Ans Aufhören denkt er nicht. „Ich schreibe immer noch gerne.“ Und die Ideen für neue Fälle gehen ihm auch nicht aus. Zuerst kommt der Titel, dann entwickelt er die Geschichte drumherum. Gruselig ja, brutal eher weniger. „Deshalb lesen wahrscheinlich auch mehr Frauen als Männer meine Romane.“

Er selbst scheint nicht so recht an das Übernatürliche und Böse zu glauben , das er seit vielen Jahren so erfolgreich beschreibt. Was er machen würde, wenn ihm plötzlich nachts ein Vampir auf der Straße gegenüber steht? Rellergerd lacht. „Ich würde sagen, in Köln ist wieder Karneval.“