Jennifer Lopez in der Macho-Welt

„Ich wollte immer ein guter Cop sein“, seufzt die Polizistin im verwackelten Video, „aber ich hab’s nicht hinbekommen.“ Und das ist doch erst einmal ein ziemlich vielversprechendes Vorwort für eine neue US-Krimiserie namens „Shades of Blue“, die RTL ab sofort dienstags in Doppelfolgen serviert. Den Publikumsreiz dürfte sie durch ihre Besetzung in den beiden Hauptrollen bekommen: Jennifer Lopez und Martin Scorseses Lieblingspsycho Ray Liotta („Good Fellas“).

Sicher mit der Knarre

Für Fast-Food-Freunde, die abgeschlossene Folgen amerikanischer Durchschnittskost wie „CSI“ lieben, ist diese Serie nichts: Sie ist als längere Geschichte über eine Staffel in Einzelteile zerlegt, ohne freilich, das vorweg, auch nur annähernd die erzählerischen Qualitäten episch angelegter Meisterwerke wie „Breaking Bad“ oder „The Wire“ zu erreichen. Mit Barry Levinson („Rain Man“) sitzt allerdings zumindest für die Auftaktfolgen ein Champion auf dem Regiestuhl.

Lopez ist Harlee Santos, New Yorker Polizistin in einer korrupten Einheit, deren Boss Ray Wozniak (Ray Liotta) den Laden wie eine Familie zusammenhält.

Da wird nicht nur fleißig abkassiert, da wird auch mal Notwehr nachträglich konstruiert, wenn ein Anfänger beim ersten Einsatz aus Versehen einen unbewaffneten Ganoven in seiner Wohnung umpustet. Autor und Produzent Adi Hasak hat schon die beiden Auftaktfolgen ganz auf seine Heldin zugeschrieben. Sie ist der hochattraktive Weltstar, sie soll und muss die Serie tragen. Und sie erledigt ihren Job ganz gut.

Diese Harlee Santos ist nicht nur sicher mit der Knarre, lässt Bagger-Amateure abblitzen und kontert alle Macho-Sprüche auf dem Revier souverän, sondern legt auch nach dem Sport gleich mal den Boxtrainer flach: „Du bist süß, und das ist ein Problem.“ Dieses Superweib hat alles im Griff. Es geht nur leider alles etwas schnell in den ersten 45 Minuten.

Die weiche Seite der harten Lady

Natürlich gibt es auch die weiche Seite der harten Polizistin: Sie ist alleinerziehende Mutter einer ausgesprochen feingeistigen Tochter (Sarah Jeffery), die eine teure Privatschule besucht und als Supertalent auf die noch teurere Musikhochschule wechseln will. Da ist Lopez ganz Mama, ganz die Sanftmütige, die alles tut, um der jungen Frau den Weg in ein erfolgreiches Leben zu ebnen.

Seinen dramatischen Kniff zieht „Shades of Blue“ daraus, dass Santos von einem schneidigen FBI-Agenten (Warren Kole) erwischt und erpresst wird: Entweder sie liefert ihm ihre korrupten Kollegen aus oder sie wandert ins Gefängnis.

Das ist vom Konzept her spannend und liefert eine Reihe haariger Situationen, bleibt allerdings, wenn die ersten beiden Folgen stilbildend sein sollten, erst einmal arg an der Oberfläche. Tiefenschärfe fehlt vor allem den Figuren, die Lopez umgeben. Der FBI-Mann hätte sicher viel Potenzial als vermeintlich fiese Type, da ist aber noch nicht viel zu sehen.

Ray Liotta ist immer eine Wucht, ruft aber hier vor allem seine Paranoia-Klischees als verschwitzter Polizei-Pate ab. Und an den psychischen Abgründen, die sich vor Harlee Santos nun auftun, zeigt sich die Serie noch nicht allzu interessiert. Kann ja noch kommen.

Fazit: Durchaus spannende Krimiserie mit einem Topstar, um den sich alles dreht. Hat aber noch Luft nach oben.

RTL, 21.15 Uhr