Jaqueline Smith - Demonstrantin seit 27 Jahren

Jaqueline Smith - die Frau, die seit 27 Jahren jeden Tag in Memphis gegen die Gedenkstätte für den am 4. April 1968 erschossenen Bürgerrechtler Martin Luther King protestiert. Im Hintergrund links die MLK-Gedenkstätte mit dem Kranz vor dem Hotelzimmer, wo er erschossen wurde
Jaqueline Smith - die Frau, die seit 27 Jahren jeden Tag in Memphis gegen die Gedenkstätte für den am 4. April 1968 erschossenen Bürgerrechtler Martin Luther King protestiert. Im Hintergrund links die MLK-Gedenkstätte mit dem Kranz vor dem Hotelzimmer, wo er erschossen wurde
Foto: Dirk Hautkapp
Seit 27 Jahren demonstriert sie vor dem Hotel, in dem der US-Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen wurde. Sie kämpft für Menschlichkeit.

Memphis.. Vor 47 Jahren machte James Earl Ray mit einem einzigen Schuss auf dem Balkon vor Zimmer 306 des Lorraine Motels in Memphis Weltgeschichte. Dem ermordeten Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King ist am Tatort ein über 100 Millionen Dollar teures Museum gewidmet. Vor 27 Jahren hat eine zierliche schwarze Frau gegen die Heldenverehrung einen beispiellosen Protest gestartet. „Und ich bin noch lange nicht fertig“, sagt Jaqueline Smith kurz vor dem Gedenktag am 4. April.

Smith ist in der Stadt im US-Bundesstaat Tennessee aufgewachsen. Sie war im Januar 1988 die letzte Bewohnerin im Lorraine. Dann setzte man sie gewaltsam vor die Tür. Memphis‘ Stadtväter hofften auf Touristen, witterten das große Geld, als sie in das schäbige Arbeiterviertel das „National Civil Rights Museum“ pflanzten. Was für das Lorraine, in dem früher Jazz-Giganten wie Duke Ellington und Cab Calloway schliefen, nachdem sie die Klubs an der Beale Street erobert hatten, die Abrissbirne bedeutete.

„Ein Sündenfall, den Martin Luther King nie zugelassen hätte“, sagt Jaqueline Smith entrüstet im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das Geld hätte er für den Kampf gegen die Armut genutzt.“ Seit der Eröffnung lebt Smith den Traum des großen Streiters für Fairness und Mitmenschlichkeit weiter. Auf ihre Art. Als zivil ungehorsame Dauerdemonstrantin harrt sie jeden Tag in Sichtweite des Museums an einem improvisierten Stand mit verbeultem Sonnenschirm und Sofasessel aus und hält die Protestfahne hoch: „Boykottiert das Menschenrechtsmuseum!“.

Smith, die an diesem kalten Morgen Ende März eine dunkle Brille gegen das gleißende Sonnenlicht trägt, zeigt auf die teils erkennbar für wohlhabende Kreative aufgehübschte, teils gottverlassene Umgebung, in der früher viele Schwarze lebten. „Heute kann sich hier niemand mehr die Mieten leisten. Und kein Restaurant weit und breit ist hier, von dem Schwarze profitieren würden.“ Was stimmt, wie später der Aushilfskellner in „Rizzos‘s Diner“ an der Ecke bestätigt. „Weiße machen hier die Kohle.“

Touristen, die zum 50. Jahrestag des Bürgerrechts-Dramas in „Selma“ und nach dem gleichnamigen Hollywood-Film in Scharen auch in Memphis einfallen, reagieren verstört, wenn Smith sie anspricht und auf die „unveränderte Notlage von Afro-Amerikanern in diesem Land“ hinweist. In Memphis ist der Anteil der Schwarzen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, überdurchschnittlich hoch. Bei der Mordrate sieht es nicht anders aus.

Themen, die wenige Meter weiter in der Gedenkstätte nicht vorkommen. Wer an den originalgetreuen Autos vorbeigeht, die am Abend des Mordes vor Kings Hotelzimmer geparkt waren, in Richtung Kassenschalter, auf den wartet eine teure Musealisierung des Grauens. Im originalgetreu hergerichteten Zimmer 306 samt rostroter Bettdecke, Bibel auf dem Nachttischchen und überquellenden Aschenbechern soll, so die Hausleitung, „ein hautnahes Gefühl für die Gewalt vermittelt werden, die diese dunkle Ära der amerikanischen Geschichte markierte“. Damit dürfte das Gebäude gegenüber gemeint sein. Im Badezimmer von James Earl Ray kann der Besucher per Laser-Simulation nachvollziehen, welche Flugkurve das Projektil genommen hat, das unterhalb von Kings Kinn einschlug. Für Jaqueline Smith ein „makabrer Fall von Disneylandisierung einer Tragödie, die auch Waffennarren anlockt“.

Aufhören mit ihrem eisernen Dagegensein will Jaqueline Smith aber erst dann, wenn an der Stätte des Erinnerns zu spüren ist, was Martin Luther King unmittelbar vor seiner Ermordung gesagt hat: „Ich werde keine feinen und luxuriösen Dinge hinterlassen – aber ein engagiertes Leben.“

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