Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Schule

Immer mehr Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg bekannt

31.01.2010 | 07:48 Uhr
Immer mehr Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg bekannt

Berlin. Nach Medienberichten über den Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg melden sich immer mehr Betroffene zu Wort. Die Leitung des Jesuitenordens, der die Schule betreibt, war offenbar bereits seit knapp 20 Jahren über die Vorfälle informiert.

Der Missbrauchs-Skandal am Berliner Elitegymnasium Canisius-Kolleg ist weitaus größer als bislang angenommen. Während die Berliner Justizbehörden bisher von sieben sexuell missbrauchten Jungen ausgingen, meldeten sich übers Wochenende Medienberichten zufolge mehr als 20 Opfer. Zudem war die Ordensleitung offenbar seit 1991 über die Vorfälle informiert. Einer der beiden beschuldigten Lehrer gab die Taten inzwischen zu. In einem anderen Fall räumte das Erzbistum Berlin Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen einen Priester ein.

1992 aus dem Orden ausgetreten

Laut «Spiegel» handelt es sich bei einem der mutmaßlichen Täter am Canisius-Kolleg um den früheren Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S., der die Missbrauchsvorwürfe bereits einräumte. Der Mann trat demnach 1992 aus dem Orden aus. Zuvor soll er laut «Spiegel» auch an anderen Jesuitenschulen in Deutschland Jungen missbraucht haben. Unter anderem sei er an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und von 1982 bis 1984 in Sankt Blasien im Südschwarzwald tätig gewesen.

Der heutige Provinzial der Jesuiten in Deutschland, Stefan Dartmann, bestätigte dem Nachrichtenmagazin zufolge, dass der Orden 1991 Kenntnis von den Straftaten hatte. Man habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftragt, «um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten». Auch der Vatikan war über die Verfehlungen im Bilde, wie der «Spiegel» weiter berichtet. Lehrer S. habe dort «Zeugnis von meiner nichts beschönigenden Ehrlichkeit» abgelegt.

Der Rektor des Canisius-Kollegs, wird für den offenen Umgang mit der Affäre gelobt.

Der Rektor geht in die Offensive

Bei dem zweiten Beschuldigten handelt es sich laut «Spiegel» um den 69-jährigen ehemaligen Religionslehrer Peter R. aus Berlin. Im Gegensatz zu S. habe dieser sämtliche Vorwürfe bestritten. Laut «Spiegel» meldeten sich bereits rund 20 ehemalige Schüler, die von sexuellen Übergriffen berichteten. Der «Tagesspiegel am Sonntag» meldete gar 22 Opfer.

Der amtierende Rektor des Gymnasiums, Pater Klaus Mertes, kritisiert seine Kirche im «Tagesspiegel am Sonntag» scharf. «Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden.» Der Beauftragte der Bischofskonferenz bei der Bundesregierung, Prälat Karl Jüsten, lobte Mertes ausdrücklich dafür, «dass er sich offensiv um Aufklärung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bemüht und sogar riskiert, den Ruf des Gymnasiums zu beschädigen».

Opfer sollen sich zu Wort melden

Das Erzbistum Berlin teilte mit, dass dem Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky Anfang Juli 2009 Beschuldigungen und Verdächtigungen gegen einen Priester vorgetragen worden seien. Diese bezögen sich auf das Jahr 2001. Dem Gemeindepfarrer seien daraufhin umgehend alle Aktivitäten im Zusammenhang mit Jugendlichen untersagt worden. Das Verfahren sei in Rom anhängig und noch nicht abgeschlossen. Der Priester sei derzeit nicht seelsorgerisch tätig. Das Opfer wurde demnach aufgefordert, die Vorfälle zur Anzeige zu bringen. Weitere Opfer wurden gebeten, sich zu melden.

DerWesten



Kommentare
Aus dem Ressort
Hitler-Gruß am Gymnasium - Polizei ermittelt gegen Schüler
Nazi-Umtriebe
Neuntklässler kleben sich Hitlerbärte ins Gesicht und heben den rechten Arm zum Gruß. Was eventuell als geschmackloser Auswuchs pubertären Leichtsinns begann, hat Konsequenzen: Die Polizei ermittelt an einem Gymnasium in Sachsen-Anhalt. Die Schulleitung sagt, sie sei von den Vorfällen überrascht.
Großeinsatz zur Suche nach verschleppten Studenten in Mexiko
Polizei
Tausende Polizisten fahnden mittlerweile nach den jungen Leuten, die seit mehr als einem Monat spurlos verschwunden sind. Der mutmaßliche Drahtzieher des Verbrechens wird auf der ganzen Welt gesucht. Die Angehörigen der Vermissten haben das Vertrauen in die Regierung allerdings längst verloren.
FBI-Ermittler nehmen mutmaßlichen Polizistenmörder fest
Fahndungserfolg
Zehn Namen stehen auf der FBI-Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher. Einer dieser Namen ist nun mit dem Hinweis "Geschnappt" versehen: Den Ermittlern der US-Bundesbehörde FBI ist nach wochenlanger Fahndung ein mutmaßlicher Polizistenmörder ins Netz gegangen.
Mehrere Tote nach Absturz auf Flughafengebäude in Kansas
Unglück
Die Bilder lassen das Schlimmste befürchten. Dicke, schwarze Rauchschwaden quellen nach einem Flugzeugabsturz aus einem Airport-Gebäude im US-Bundesstaat Kansas. Vier Menschen sterben - aber viele können sich offenbar in Sicherheit bringen.
Die Kriminalgeschichte des Uli Hoeneß auf 50 Seiten
Steuerhinterziehung
Auf 50 Seiten dröselt das Landgericht München II den Fall des Steuerhinterziehers Uli Hoeneß nun auch öffentlich auf. Ein brisantes Detail ist der Wortlaut der Selbstanzeige des früheren Bayern-Präsidenten. Sie brachte die Ermittlungen erst ins Rollen.
Umfrage
Samstag ist Feiertag, die Geschäfte haben geschlossen - dafür sind am Sonntag in vielen Städten die Geschäfte geöffnet . Was halten Sie von verkaufsoffenen Sonntagen?

Samstag ist Feiertag, die Geschäfte haben geschlossen - dafür sind am Sonntag in vielen Städten die Geschäfte geöffnet. Was halten Sie von verkaufsoffenen Sonntagen?