Hobby-Blitzer entzweit Dorf in Großbritannien

Michael Widen überwacht die Raser – und erntet Wut und Zorn.
Michael Widen überwacht die Raser – und erntet Wut und Zorn.
Foto: Archiv
Was wir bereits wissen
In St. Mary Bourne geben viele Bewohner auf den Straßen Vollgas. Ein Rentner installierte Geschwindigkeitsüberwachung – und löste pure Wut aus.

London.. Das hat er nun davon. Seit Jahren hat sich Michael Widen dafür eingesetzt, dass in seinem Dorf nicht gerast wird. Und der 74-Jährige hat durchaus einiges erreicht in Sachen Verkehrsberuhigung. Doch danken es ihm die Leute? Wenn Herr Widen in den Pub geht, wird er geschnitten. Wenn dem in Deutschland geborenen Rentner Anwohner auf der Straße begegnen, grüßen sie ihn mit dem Hitlergruß. Und einen bösen Schimpfnamen hat sich Herr Widen auch noch eingehandelt: „Raser-Nazi“ wird er von erbosten Autofahrern genannt.

St. Mary Bourne ist ein idyllischer Flecken in der Grafschaft Hampshire. Bilderbuchengland: reetgedeckte Cottages, ein Dorfanger, eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert und zwei gemütliche Pubs. Am Dorfeingang steht ein Schild mit einer 30 im roten Kreis, darunter: Willkommen in St. Mary Bourne, bitte fahren Sie vorsichtig. Aber wenige hielten sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Meilen pro Stunde, umgerechnet rund 48 km/h.

Bußgeld Also entschloss sich Michael Widen, dass etwas getan werden muss. Mit einem Team von Gleichgesinnten kaufte er sich eine Laserpistole, wie sie für Geschwindigkeitskontrollen eingesetzt wird, stellte sich an die Straße und hielt drauf. „Morgens fingen wir die Mütter, die ihre Kinder zur Schule brachten“, sagt der ehemalige Unternehmensberater, „die fahren wie die Verrückten. Und abends kümmerten wir uns um die Leute, die zu den Pubs rasten.“

Immerhin: Die Menschen fahren jetzt langsamer

Vielleicht war Herr Widen etwas zu erfolgreich, vielleicht war sein Jagdeifer zu groß. In den letzten zwei Jahren hat er sage und schreibe 3500 Autofahrer erwischt und der Polizei gemeldet. Immerhin ist der Verkehr im Dorf jetzt drastisch beruhigt. „Bevor wir anfingen“, so Widen, „sind 40 Prozent der Fahrer zu schnell gefahren. Heute sind es dank uns nur noch acht Prozent.“ Die Geschwindigkeitsüberwachung durch Bürgerwehr hat indes das Dorf total entzweit. Jean Macnamara, eine 84-jährige Witwe, war erbost, als sie mit 32 Meilen erwischt wurde: „Was denken sich diese Leute in ihren gelben Westen? Wenn sie Polizei spielen wollen, hätten sie Polizisten werden sollen.“ Auch Wyndham Culley (70), Farmer, war not amused. „Die sagen, ich wäre 36 Meilen gefahren, aber ich habe bisher noch nie einen Strafzettel bekommen. Lass die Polizei ihren Job machen und Rentner den ihren – warum kann er nicht einfach Bridge spielen wie normale Leute?“

Der Gemeinderat, die Polizei und viele andere Bürger allerdings begrüßten die Aktion von Michael Widen. Auch der Gemeindepfarrer Craig Marshall mahnte an, „dass das Tempolimit seinen Grund hat“ und rief nach „Liebe und Frieden“. Denn letzterer war in letzter Zeit nicht sehr ausgeprägt. Die Verkehrsüberwacher wurden von aufgebrachten Motoristen mit Imbissmüll beworfen oder verbal angegangen. „Sie nennen mich den ,Raser-Nazi’, was unglaublich beleidigend ist“, sagt Widen. „Ich kam in Deutschland zur Welt, aber ich bin tatsächlich Schwede. Wir werden vom halben Dorf geächtet, aber wir wollen doch nur, dass unsere Straßen sicher sind.“

Die Aktion soll eingestellt werden

Die Heil-Hitler-Grüße will sich Herr Widen nicht mehr bieten lassen. Die Aktion Geschwindigkeitskontrolle durch Bürgerwehr soll jetzt eingestellt werden. Der Gemeindevorsitzende David Peart dankte ihm für einen „fantastischen, undankbaren Job“ und bedauerte die Einschüchterungskampagne. Doch jetzt sei Schluss, sagte Widen: „Keiner von uns braucht diese Bedrohungen. Die Mobber und die Bösen haben gewonnen.“