High-Tech Erfindungen der Natur

Für das Bionic-Car wurde ein Kugelfisch kopiert. Foto: Volker Hartmann/dapd
Für das Bionic-Car wurde ein Kugelfisch kopiert. Foto: Volker Hartmann/dapd
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Was wir bereits wissen
In Münster werden auf der deutschlandweit größten Bionik-Ausstellung über 800 Exponate gezeigt – vom Auto bis zum Wal

Münster.. Durch die Augen einer Schlange erscheint die Welt in eigenwilligen Farbnuancen. Vor allem wenn der Boa, Otter oder Python eine Maus über den Weg läuft. Schlangen haben einen sechsten Sinn. Sie können auch infrarot sehen. Diese Fähigkeit nutzt der Mensch. In Anlehnung an das ungewöhnliche Sehvermögen kann die Feuerwehr mit Infrarotkameras Leute in verqualmten Räumen oder nach Erdbeben unter Schutt verschüttete Opfer aufspüren.

„Man muss genau hinsehen und die Ideen der Natur umsetzen“, sagt Bianca Fialla vom Museum für Naturkunde des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). In Münster präsentieren die Mitarbeiter mit mehr als 800 Exponaten diese „Patente der Natur“ und damit deutschlandweit die größte Bionik-Ausstellung.

„Die Natur ist der größte Erfinder. Wir müssen nur die Brücke zur Technik bauen, damit zum Beispiel aus dem Prinzip der Klettpflanze Verschlüsse für Kinderschuhe werden. Diese Brückenschläge zeigen wir möglichst anschaulich in der Ausstellung“, erläutert Wolfgang Kirsch, Direktor des LWL.

Der Eiffelturm: Als Vorbild diente ein Oberschenkelknochen

Überraschungen eingeschlossen. Ein sieben Meter hoher Eiffelturm aus Stahl wird wie das Original dem aufgeschnittenen Oberschenkelknochen eines Menschen nachempfunden. Die Stabilität erhält der Koloss, weil die metallischen Querstreben wie die Knochenbälkchen ausgerichtet wurden.

Neben dem Dinosaurier am Eingang spendet ein großer Airbus-Flügel Schutz vor möglichem Regen. Der Wingtip am Ende ist den Handschwingen großer Vögel nachempfunden, soll und kann den Strömungswiderstand verbessern. Um geringen Kraftstoffverbrauch geht es auch bei dem einem Kofferfisch kopierenden Bionic Car. „Der absolute Star der neuen Ausstellung ist allerdings der kleine Laufroboter Nao“, erzählt Fialla, Nao könne aufgrund seiner reduzierten Mimik in der Therapiearbeit autistischer Kinder eingesetzt werden.

Neben 15 Mitmachstationen kommt auch die Haptik nicht zu kurz. Beim Streicheln der Haihaut wird verständlich, warum ein Schwimmanzug, der sich an den Haihautzähnen orientiert, den Wasserwiderstand verringert. Weil die Schwimmer zu schnell wurden, sind die Hai-Tech-Anzüge inzwischen verboten. Vergangenheit sozusagen. In der Zukunft wollen Wissenschaftler eine Farbe entwickeln, die die Haihaut-Zähnchen in die Lackierung von Flugzeugen integrieren. Was schon klappt: In der Schifffahrt verhindert ein sogenannter Haihaut-Anstrich bereits die Anhaftung von lästigen Seepocken.

Ein Markt der Möglichkeiten

Was die Pfote einer Katze mit Anti-Aquaplaning-Autoreifen zu tun hat oder der Nashornkäfer mit den Rotoren eines Hubschraubers, erklärt die Schau genauso wie den Zusammenhang zwischen Klebeband und Gecko. Dabei wird nicht nur der Status Quo der heutigen Technik beleuchtet, sondern auch in die Zukunft geschaut. Beispiel Gecko: Seine Fähigkeit, Wände senkrecht hochmarschieren zu können, nehmen sich Wissenschaftler zum Vorbild und wollen einen neuen Roboter entwickeln, der auf Baustellen steile Hauswände gefahrloser als der Mensch erklimmen kann.

Der Markt der Möglichkeiten wächst beständig: Denn „gedankengesteuerte Prothesen“ oder Netzhaut-Implantate, die Blinde wieder sehen lassen, sind inzwischen vorstellbar. Schöne, interessante Aussichten für die Zukunft, die den Betrachter ins Schwärmen bringen. Apropos Schwarm: Auch die Bewegung von Fischschwärmen wird zurzeit von Bionikern intensiv erforscht. Ihrem Vorbild entsprechend könnten Menschenmassen leichter geleitet und eine Massenpanik verhindert werden. Der Autohersteller Nissan hat bereits einen Roboter entwickelt, der so programmiert ist, dass er sich an bestimmte Schwarmregeln hält: Das Auto der Zukunft würde keine Unfälle mehr bauen und Staus vermeiden helfen.

Die Natur als Ideengeber zu präsentieren, ihre faszinierenden Fähigkeiten im täglichen Überlebenskampf zu beleuchten, ist nicht nur spannend, sondern letztendlich auch ein wunderbarer Appell, die Artenvielfalt zu schützen.