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Heil-Verfahren

18.05.2007 | 04:44 Uhr

Mediziner Broelsch operiert wieder, sagt aber nichts. Anfang der Woche will die Universität ihn anhören.Polizei ermittelt, Patientenverbände berichten von ähnlichen Fällen an anderen Krankenhäusern

Essen. Er muss erst wenige Stunden zuvor von seiner Dienstreise aus den USA zurückgekehrt sein, da steht Christoph Broelsch (62) am Freitag früh schon wieder am OP-Tisch der Chirurgischen Abteilung am Essener Uni-Klinikum. Durch sein Sekretariat lässt er ausrichten, dass er "für niemanden zu sprechen" sei, schließlich laufe ein Ermittlungsverfahren.

Für Broelsch ist das nicht ganz neu. Nach Berichten der Hamburger Morgenpost soll die dortige Staatsanwaltschaft Anfang der 90er Jahre gegen den Top-Chirurgen wegen "akuter Sterbehilfe" ermittelt haben: Damals war unter seinen Händen eine 17-jährige Krebspatientin gestorben. Das Verfahren wurde eingestellt - ebenso wie eines in Essen. Dort ging es vor fünf Jahren um den Verdacht des Organhandels. Broelsch hatte in Jena an einer Nieren-Übertragung teilgenommen. Die Organspende aus Moldawien für einen Israeli hatte ursprünglich in Essen stattfinden sollen, dort waren aber Bedenken laut geworden, die Niere sei möglicherweise gekauft. Das ist in Deutschland verboten, auch wenn Broelsch sich immer wieder für eine Bezahlung von Organspenden einsetzte.

Diesmal wirft man dem früheren Leibarzt von Johannes Rau vor, er habe Schwerkranke bevorzugt behandelt, wenn sie auf ein Spendenkonto einzahlten. Eine 70-jährige Dortmunderin legte 7500 Euro auf den Tisch, die ihr Sohn nach erfolglosem Eingriff nun zurückfordert. Vorwürfe eines Bocholters, die Behandlung seiner Mutter sei erst durch die Zahlung einer 5000-Euro-Spende möglich geworden, will das Klinikum aber so nicht bestätigen. "Prof. Broelsch hat Patienten nicht grundsätzlich Operationen verweigert, wenn sie keine Spende tätigen wollten", erklärte ein Sprecher. Sondern: "Gegen Spendenzahlungen sind Behandlungen zugesagt worden, die sonst nur Privatpatienten bekommen. Das war ganz sicher ein Missverständnis." Inzwischen habe der Arzt zugesagt, nicht mehr so vorzugehen.

Patientenverbände hingegen behaupten, ein Vorgang wie dieser in Essen geschehe häufiger. "Drei- bis viermal ist uns so etwas geschildert worden", sagt Heinz Windisch, der Präsident des "Verbandes der Krankenversicherten Deutschlands": "Wenn wir als Verband dem dann nachgehen wollen, machen die Leute einen Rückzieher. Viele Patienten haben Angst in der Situation, und sie brauchen ja auch die Therapie." Das Vorgehen an der Uniklinik sei "mehr als verwerflich: Wenn man nur noch durch Spenden oder Zusatzhonorar schnell an einen Klinikplatz kommt, bekommen nur noch Reiche gute medizinische Versorgung."

Ähnlich argumentiert die "Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten". "Bei immer engeren Ressourcen wird dem Patienten gesagt: Wenn Sie die OP beschleunigen wollen, können wir das vorziehen, wenn . . .", sagt ihr Vorsitzender Wolfram Candidus: "Das passiert unter vier Augen." Kranke seien solchen Vorschlägen "hilflos ausgeliefert: Die laufen ja schon gebeugt." Deutschland habe "überall Klassen, in Hotels, in Zügen", sagt Candidus: "Aber wenn solche Machenschaften im Krankenhaus einreißen, ist das auf gut Deutsch kriminell."

"Nicht in Ordnung", sagt dazu die Ärztekammer Nordrhein und meint dasselbe. Wenn der Arzt auf diese Weise "eine Notsituation ausgenutzt" habe, sei das, so Sprecher Horst Schumacher, "sehr ungewöhnlich" und "scharf zu kritisieren". Wie Schumacher fürchtet auch sein Kollege Lothar Kratz von der Krankenhausgesellschaft einen "Image-Schaden". Wenn eine Operation nötig sei, so müsse eine Klinik "zeitnah tätig werden, ohne Wenn und Aber": Zusatzleistungen entgegenzunehmen, "das darf man nicht".

Das findet auch die Essener Staatsanwaltschaft. Sie hat noch am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Erpressung und der Vorteilsannahme im Amt eingeleitet. Seit Freitag wird sie unterstützt von der "Ermittlungskommission Klinik" der Polizei. Für Vorteilsannahme drohen bis zu drei Jahre Gefängnis, für Erpressung bis zu fünf. Mediziner Broelsch, Leiter der Abteilung "Allgemeine Chirurgie", ist als Beamter beim Land angestellt. Sein Chef, Unirektor Lothar Zechlin, will ihn so bald wie möglich anhören. Bis Anfang der Woche ist er allerdings noch auf Dienstreise in China."Das ist auf gut Deutsch kriminell"

"Drei- bis viermal ist uns so etwas geschildert worden"

Von Martin Spletter, Hubert Wolf und Annika Fischer

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