Greifvögel auf Brieftauben-Jagd
02.04.2009 | 00:05 Uhr 2009-04-02T00:05:00+0200
Waltrop. Auf der Nahrungssuche bedienen sich Greifvögel an Wild- und Zuchttauben. Jetzt bangen die Züchter um ihren Vogelbestand. Die Furcht vor der großen Jagdfreude ist im gesamten Ruhrgebiet zu spüren.
Es dürfte optimales Flugwetter werden am Samstag. Das freut natürlich auch den Hertener Günter Kurte, wenn er seine Brieftauben beim ersten Vorflug in Waltrop in die Luft und die neue Wettkampfsaison schickt. Aber das Wetter bereitet dem Brieftaubenzüchter derzeit die wenigsten Sorgen. Die Angst geht um. Ob seine Zuchttauben, 20 bis 22 wird er übermorgen starten lassen, die 20 Kilometer lange Strecke unbeschadet bis in den heimischen Schlag schaffen, weiß er nicht. Er hofft es. "Greifvögel sind ein großes Problem für uns Züchter", sagt Günter Kurte.
Züchter fürchten Greifvögel
Die Furcht vor der großen Jagdfreude der Greifvögel ist im gesamten Ruhrgebiet zu spüren. Und nicht nur bei Brieftaubenzüchtern, sondern auch bei Jägern und Hühnerzüchtern. "In dieser dichtbesiedelten Region haben Greifvögel keine Scheu mehr vor Menschen und jagen auch in Wohngebieten. Im Kreis Recklinghausen ist das nicht anders", sagt Klaus Kühntopp, Redakteur der Fachzeitschrift "Die Brieftaube" des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter in Essen. "Fakt ist, dass wir unsere Tauben von Ende September bis Anfang März nicht fliegen lassen können. Zu dieser Zeit finden Greifvögel keine andere adäquate Nahrung", sagt Klaus Kühntopp.
Schlechte Erfahrungen mit Greifvögeln hatte auch Günter Kurte, 2. Vorsitzender des Brieftaubenzuchtvereins "Ohne Furcht" gemacht. "Vor kurzem erst habe ich meine Tauben fliegen lassen. Dann kam ein Greifvogel runter und haute da richtig rein. Da kannste nichts dran machen", erzählt er. Ein Züchterkollege habe innerhalb von acht Tagen gleich 13 Tiere durch Greifvögel verloren. Schon jahrelang sieht Kurte, der mit etwa 100 Tauben zu den kleineren Züchtern zählt, Wanderfalken und Habichte im Vest auf Jagd.
Bussarde, Sperber, Turmfalken, Habichte, Baumfalken, Wanderfalken, Weihen und Eulen sind die häufigsten Greifvogelarten, die im Ruhrgebiet zu Hause sind. Allerdings gehen nur die Habichte, die Wanderfalken und die Sperberweibchen auf Taubenjagd und profitieren von dem künstlichen Nahrungsangebot der Zuchttauben. "Dabei ist es ihnen egal, ob es Wild- oder Zuchttauben sind, die sie jagen", sagt Michael Hähnel, Leiter der RVR Auffang- und Ausgewöhnungsstation für Greifvögel und Eulen in NRW am Forsthof Haard in Haltern am See. Dort päppelt er im Jahr nicht nur etwa 80 verletzte Vögel auf, sondern gibt auch Führungen.
Gesunde Tauben sind schnell genug
Taubenzüchter besuchen Michael Hähnel häufig und diese Gelegenheit nutzt er, um ihnen das Verhalten der Greifvögel zu erklären. "Habichte und Wanderfalken jagen nur die schlecht gefiederten und kranken Tauben. Sie selektieren also", sagt Hähnel. "Gesunde Tauben sind den Habichten viel zu schnell. Und bei den Wanderfalken ist nur jede siebte Jagd überhaupt erfolgreich."
Dennoch seien mehr Zucht- als Wildtauben Opfer von Greifvögeln, meint Klaus Kühntopp: "Wildtauben haben ein anderes Flugverhalten. Sie fliegen im Schutz von Bäumen und Sträuchern. Brieftauben dagegen bleiben in der Nähe ihres Schlages und kreisen am Himmel." Und eine gewisse Intelligenz schreibt Kühntopp den Greifvögeln gar nicht ab. "Sie sind auch nicht doof. Sie wissen, wo Taubenschläge sind und warten. Dann ziehen sie sich ihre Lätzchen an und schärfen die Krallen."
Kein Kavaliersdelikt: Die Jagd auf Greifvögel ist strafbar
Vest. "Mit diesem Konflikt müssen wir leben", klagt Taubenzüchter Günter Kurte. Jäger klagen ebenfalls und sehen die Greifvögel als Konkurrenten. "Sie meinen, dass sie den Wildtierbestand minimieren", erläutert Julia Arnold, Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Nabu NRW. Selten nahmen sich schwarze Schafe unter den Jäger daher selbst dieses Problems an und töteten mit vergifteten Hasenködern oder Schusswaffen die Greifvögel. Wer dies allerdings tut, verstößt gegen das Bundesnaturschutz- und Tierschutzgesetzt und macht sich strafbar. "Alle Greifvögel stehen unter Schutz", sagt Arnold. Aber nicht alle davon stehen auch auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten.
Im Kreis Recklinghausen ist kein Fall bekannt, bei dem Greifvögel getötet wurden. "Sie sind nicht zur Jagd freigegeben. Dass Jäger dennoch Greifvögel jagen, ist hier im Vest nicht passiert. Sollte dies mal der Fall sein, wird die Staatsanwaltschaft ermitteln", sagt Stefan Badner von der Unteren Jagdbehörde. In Kreisen Borken und Düren dagegen wurden kürzlich Personen deswegen zu 3000 und 4000 Euro Geldstrafe verurteilt – dazu mussten sie den Jagdschein abgeben. "Das ist kein Kavaliersdelikt", so Arnold.
Die Auffangstation in Haltern am See besteht seit 1995. Und bis jetzt sind bei Leiter Michael Hähnel keine Greifvögel mit Schussverletzungen abgegeben worden. "Gott sei dank. Sollte dies einmal der Fall sein, sind wir verpflichtet dieses dem NRW-Umweltministerium zu melden", sagt Hähnel
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