Goldene Kamera für Susan Sarandon - Rebellin auf Lebenszeit

Für ihre Rolle in "Dead Man Walking" erhielt Susan Sarandon 1996 einen Oscar.
Für ihre Rolle in "Dead Man Walking" erhielt Susan Sarandon 1996 einen Oscar.
Foto: Getty
Couragiert und engagiert: Die 68-jährige US-Schauspielerin wird für ihr Lebenswerk in Hamburg mit der „Goldenen Kamera“ ausgezeichnet.

Hamburg.. Ihre streng katholische Mutter italienischer Herkunft, Jahrgang 1925, brachte neun Kinder zur Welt. Aber für eins schämt sich heute noch manchmal, hat die alte Frau letztes Jahr im Fernsehen erzählt. Wo hat Susan das nur alles her, fragt sie. Dieses Rebellische. Diesen Drang, ohne Rücksicht auf sich selbst gegen all das anzukämpfen, was ihr gegen den Strich geht. Auch mal übers Ziel hinauszuschießen. Aber so ist Susan Sarandon: der Skorpion, der sticht, weil er nicht anders kann.

Wenn die 68-Jährige aus New York am Freitagabend in Hamburg mit der „Goldenen Kamera“ für ihr Lebenswerk belohnt wird, dann geht es dabei gewiss um ihre schauspielerische Spannweite, die uns in bisher 80 Filmen Heilige und Huren beschert hat, Verführte und Verführerinnen, einfühlsame Frauen und taffe Weiber, die Kerle in Männchen verwandeln. Eine Darstellerin wird ausgezeichnet, die intellektuelle Tiefenschärfe und saftigen Sexappeal so mühelos unter einen Hut bekommt wie keine zweite. Der Preis zielt aber auch auf ihr politisches Engagement, er ist eine Verneigung davor, wie man als mutige, unangepasste Frau gegen viele Widerstände in Hollywood so eine Karriere hinlegen kann.

"Ich kann nicht aus meiner Haut"

Dabei wehrt sie sich regelmäßig gegen den Vorwurf, sie würde ihre Rolle als soziales Gewissen Amerikas genießen. „Das Gegenteil ist der Fall: Ich hasse es, dass ich immer diejenige sein muss, die den Mund aufmacht!“ hat sie der FAZ einmal verraten. „Ich kann zwar nicht aus meiner Haut, aber ich fühle mich jedes Mal furchtbar unwohl, wenn ich vor Leuten reden muss, auf Kundgebungen und Versammlungen oder vor Kameras.“

Aber sie tut es dennoch immer wieder. Blies ihre Oscarchancen erst mal in den Wind, als sie 1993 einen Hilferuf für aidskranke Flüchtlinge in die Verleihungszeremonie einschmuggelte und sich eine Verbannung der Academy einfing, die allerdings drei Jahre später einfach aufgehoben wurde: Für ihre Rolle im wuchtigen Filmappell gegen die Todesstrafe, „Dead Man Walking“, ehrte man sie dann doch mit der goldenen Statue. Fünfmal wurde Sarandon insgesamt nominiert. Die Deutschen lernten sie 1975 als piepsende Janet in der ausschweifend gefeierten „Rocky Horror Picture Show“ kennen und lieben.

Politisch sozialisiert in den 60ern prangerte sie, auch gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann und Kollegen Tim Robbins (56), immer wieder Amerikas Kriegseinsätze an und stieß mit ihrer Kritik an US-Regierungen keineswegs nur auf Gegenliebe. Angst habe sie zuweilen gehabt, räumte sie ein. In einem New Yorker Boulevardblatt hätte sie erfundene Geschichten über ihre drei Kinder lesen müssen, ihr Telefon sei abgehört worden, auf der Straße habe man sie als Vaterlandsverräterin beschimpft. Das sei desillusionerend gewesen. „Als ich jung war“, erzählte sie einmal der „Süddeutschen Zeitung“, „waren wir der Ansicht, dass man etwas bewirken kann. Du konntest auf die Straße gehen und den Vietnam-Krieg stoppen. Heute sollst du keine Fragen stellen, deine bürgerlichen Rechte aushändigen und Papa wird dich beschützen -- wenn dir das nicht passt, fliegst du aus dem Paradies wie Eva.“

„Thelma and Louise“ – ihr schönster Film

Es passt natürlich perfekt ins Klischee, dass es Susan Sarandon sein musste, die, vor Selbstbewusstsein strotzend, in ihrem schönsten Film 1991 in ein urmännliches Territorium eindrang. „Thelma and Louise“ gestand Frauen das Recht zu, ihre Freiheit mit Gewalt zu verteidigen. Der Trip musste tödlich ausgehen, und wer bei ihrem kurzen Abschiedskuss mit Geena Davis und der Vollgasfahrt mit dem Cabrio über die Klippen in den Abgrund keine Träne verdrückt hat, dem kann das Kino keine Emotion mehr bieten, die ihn berührt.

„Der Fluch einer tüchtigen Frau ist, dass ihr niemand die Tür aufhält“, hat sie kürzlich in einer Talkshow gesagt. Bei Susan Sarandon weiß man aber: Sie könnte sie notfalls auch eintreten.

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