Gitte Haenning, der singende Wandervogel
07.10.2008 | 22:33 Uhr 2008-10-07T22:33:00+0200
Essen. Kaum zu glauben: 50 Jahre ist es her, dass Gitte Haenning ihren ersten Plattenvertrag in den Händen hielt. Jetzt geht die mittlerweile 62-Jährige mit einem 13-köpfigen Orchester und Songs im Jazz-Gewand auf Tour. freizeit sprach mit der Sängerin über alte Erfolge und neue Herausforderungen.
Frau Haenning, bereits als Teenager musizierten Sie mit Jazzern wie Stan Getz. Wie kamen Sie als blutjunge Sängerin mit solch großen Namen zusammen?
Gitte: Jazzmusiker fanden in Skandinavien damals einfach tolle Bedingungen vor. Mein damaliger Produzent wusste von meiner Jazz-Affinität – so war es für ihn kein Problem, mich beispielsweise mit Oscar Peterson zusammenzubringen. Auch der hatte schließlich eine Familie zu versorgen und hat das gespielt, wofür man ihn bezahlte. Auch Quincy Jones wohnte damals in Stockholm und war öfter bei uns zu Hause.
Den meisten Menschen sind Sie als Schlagersängerin bekannt. Sehen Sie sich selber eher als Jazz-Sängerin?
Gitte: Es gibt so großartige Jazz-Sängerinnen, dass ich mich selbst gar nicht als eine solche bezeichnen würde. Ich bin eher eine Jazz-Liebende. Mit 12 durfte ich die große Lena Horne in Kopenhagen live erleben. Mit 15 wurde ich gefragt, ob ich spontan für eine Sängerin einspringen könne. Bis zur Premiere des Programms waren es aber nur drei Tage. Zum Glück hatte ich es mit einem hervorragenden Team zu tun und man ließ mich mein Lieblingslied „Stormy Weather” singen.
Nächstes Jahr feiern Sie Ihr 55. Bühnenjubiläum. Wie hat sich Ihr Publikum im Laufe der Jahrzehnte gewandelt?
3.11. Hamm (Maximilianpark, Karten: 26,30-41,70 €),
14.11. Wuppertal (Historische Stadthalle, 29,60-46,10 €),
16.11. Halle (Gerry Weber Event Center, 29,90-42,90 €),
18.11. Bochum (RuhrCongress, 29,45-51,45 €).
Karten gibt's im TICKET-SHOP, 01805/280123, im Internet: www.DerWesten.de/tickets
Gitte: Ich bin ganz überrascht, dass zu mir inzwischen drei Generationen kommen. Die jungen Leute finden mich anscheinend cool oder kultig. Ein Teil meiner Fangemeinde mag insbesondere meine Schlager, akzeptiert aber auch den Jazz. Wenn ich heute meine alten Songs spiele, dann nur als Persiflage. Wir gehen jetzt mit einem 13-köpfigen Orchester auf Tournee, und ich werde Jazz und Pop singen, schwedische Volkslieder von meinem Album „Johansson”, aber auch ein paar ganz neue Sachen.
Ist das heutige Publikum flexibler geworden?
Gitte: Ja. Denn heutzutage kommen die Menschen schneller in Kontakt mit anderen Sprachen und Kulturen. Man zeigt sich gerne als Kosmopolit. Englische und amerikanische Musik erscheint den Europäern längst nicht mehr als fremd.
Berühren Sie Lieder wie „Ich will 'nen Cowboy als Mann” noch, die Sie vor vier Jahrzehnten aufgenommen und danach tausende Male gesungen haben?
Gitte: Dieses Lied hat mich zuerst überhaupt nicht berührt. Ich hatte Probleme, es auf der Bühne zu singen. In Wirklichkeit war er aber ein lustiger und origineller Song. Gerade weil er von einer Fremden gesungen wurde, konnte man sich damit auch schnell identifizieren. Mein Lied war ein Befreiungsschlag, es weckte bei den Deutschen eine Sehnsucht nach Amerika.
Waren Sie überrascht vom Erfolg dieses Schlagers?
Gitte: Eigentlich nicht. Zu der Zeit war ich schon berühmt. Ich empfand das eher als lästig. Die Jazz-Welt erschien mir als viel cooler und lockerer, während die Schlagerleute auf mich verkrampft und zickig wirkten. Ich glaube, für die Deutschen verkörperte ich als schüchterne 16-Jährige so Dinge wie Frische, Offenheit und Unschuld.
Fühlen Sie sich heute von Jazz-Songs mehr herausgefordert als von Schlagern?
Gitte: Nein. Aber Jazz spricht meine Seele an. Pop und Rock'n'Roll sind viel begrenzter. Um es mal esoterisch auszudrücken: Jazz erfüllt alle meine Chakren, also Energiefelder. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass wir Menschen auf akustische und visuelle Frequenzen positiv reagieren.
Seit 1994 leben Sie in Berlin und absolvieren erfolgreiche Tourneen durch die Bundesrepublik. Fühlen Sie sich heute mehr als Deutsche oder mehr als Dänin?
Gitte: Eigentlich bin ich ein Wandervogel; ich muss mich immer bewegen. Ich habe in Rom, London, Hamburg und München gelebt, fühle mich aber definitiv als Dänin. Dennoch bin ich sehr froh, dass ich feststellen konnte, dass die deutsche Sprache für den Jazz geeignet ist. Inzwischen sind Texte à la Roger Cicero salonfähig. Diese Linie habe ich bereits in den 80ern verfolgt.
Wenn Sie noch mal von vorne anfangen dürften, was würden Sie anders machen?
Gitte: Vielleicht würde ich dann gleich mit Jazz beginnen. Auf jeden Fall würde ich Noten lernen. Ob ich aber wieder als Sängerin enden würde, das weiß ich nicht.
Haben Sie im Leben erreicht, was Sie erreichen wollten?
Gitte: Absolut nicht. Jede Zeit hat ihren Reiz. Für mich ist noch viel zu tun: Ich bin Herausgeberin eines Buches mit skandinavischen Weihnachtsgeschichten. Und irgendwann möchte ich gerne selbst etwas schreiben. Aber ich werde vielleicht nicht so lange durchhalten wie Johannes Heesters.
0mitdiskutieren