Gewalt im Kindergarten

Altenburg..  Was der Staatsanwalt im Amtsgericht Altenburg nüchtern vorträgt, klingt erschütternd: Wenn sie nicht essen wollten, soll Krippenkindern in der thüringischen Kleinstadt Altenburg mit Gewalt Essen eingeflößt worden sein – bis sie sich erbrachen. Dabei flossen wohl auch Tränen. Zappelige Kinder wurden zum Einschlafen mit anliegenden Armen in Decken gewickelt, mit Windeln etwa an Armen und Beinen festgezurrt, doppelt verknotet. Einige bekamen zusätzlich ein Tuch aufs Gesicht gelegt. Rabiate Praktiken oder legitime Erziehungsmethoden?

Für die angeklagten Erzieherinnen war alles ganz normal

Die vier angeklagten Erzieherinnen (47 bis 63), denen all das vorgeworfen wird, verteidigten ihre Methoden zum Prozessauftakt am Mittwoch als „Einschlafhilfe“ und Unterstützung beim Essenlernen. Die Anklage wirft ihnen unter anderem vorsätzliche Körperverletzung und Nötigung vor.

Sie habe einem Kind, das nicht essen wollte, den Unterkiefer festgehalten und mit dem Löffel gegen die Zähne gedrückt, erinnerte sich eine Angeklagte an einen der Fälle. Dass sie einem anderen Kind brutal den Kopf nach hinten gezogen und Tee eingeflößt habe, bestritt die Frau. „Die Kinder haben öfter beim Essen geweint, weil sie übermüdet waren“, fügte die Angeklagte hinzu.

Viele seien erst seit Kurzem im Kindergarten gewesen und hätten teilweise noch nicht laufen oder allein essen können. Ziel sei es gewesen, ihnen das beizubringen. Auch hätten sie an das Essen im Kindergarten gewöhnt werden sollen.

17 Kinder waren in der Krippengruppe, darunter auch Mädchen und Jungen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Acht Kinder sind nach Angaben von Staatsanwalt Arnd Knoblauch von den Vorwürfen betroffen, die Anklage listet insgesamt 58 Fälle auf, in denen Kinder zum Essen gezwungen wurden. Knoblauchs Angaben zufolge soll ein behinderter Junge bei Zwangsmaßnahmen sogar Atemnot erlitten haben. Zudem hätten sich die Kinder verschlucken und generell körperliche oder psychische Schäden wie Angstzustände davontragen können.

Die Vorwürfe waren im Herbst 2012 durch eine Praktikantin öffentlich geworden, seither sind die angeklagten Frauen von ihrer Arbeit freigestellt. Die Erzieherinnen bestritten von Anfang an, ihren Schützlingen geschadet zu haben. Vielmehr hätten sie die Krippenkinder „gepuckt“, wie es oft etwa von Hebammen bei sehr unruhigen Kindern empfohlen werde. Dabei werden kleinen Kindern die Arme eng an den Körper gelegt, dann werden sie in eine Decke eingewickelt.

Kinder haben sich angeblich nicht gewehrt

Auch beim Prozessauftakt wiesen die Frauen Schuld von sich. „Es lag nie in meiner Absicht, Kindern wehzutun oder sie zu misshandeln“, beteuerte eine der Angeklagten. Das Einwickeln beim Einschlafen soll von anderen Kolleginnen übernommen worden sein. „Ich habe gesehen, dass das den Kindern zum Einschlafen geholfen hat.“ Daher habe sie nichts Schlimmes darin gesehen. Gewehrt hätten sich die Kleinen nicht. „Es tat ihm wirklich gut, er hat es genossen“, beschrieb ihre Kollegin mit Blick auf einen behinderten Jungen. „Ich habe es so gesehen, dass wir ihm ein kleines Nest bauen.“

Richter Sandy Reichenbach äußerte Zweifel, dass die Kinder das Einwickeln einfach hingenommen haben und seelenruhig eingeschlafen sind. „Ich glaube ihnen nicht, dass, wie mit einem Zauberstab, plötzlich Ruhe war“, sagte er. Das widerspreche der Lebenserfahrung. Auch die Fütter-Methoden stießen bei ihm auf Unverständnis. Kinder müssten nicht alles essen – beispielsweise wenn sie etwas nicht mögen. „Es gibt doch keinen Zwang, alles zu probieren.“

Für den Prozess am Amtsgericht Altenburg sind zunächst zwei weitere Verhandlungstage vorgesehen, ein Urteil könnte am Montag, 20. April, gesprochen werden.