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Geistig behinderte Fußballer trainieren für höhere Vereinsligen

01.06.2012 | 18:25 Uhr
Geistig behinderte Fußballer trainieren für höhere Vereinsligen
Ein Team: Marcus Herzberg, Eric Cybulski, Dominic Schenk und Oliver Fey trainieren am Fußballleistungszentrum für Spieler mit geistiger Behinderung. Foto: Bernd Lauter

Frechen.   In Frechen entsteht das erste Leistungszentrum für Fußballer mit geistiger Behinderung. Intensives Training soll den Spielern helfen, fit für höhere Vereinsligen zu werden.

Er ist ein unangenehmer Gegenspieler: auf der Position des Verteidigers ein Manndecker von der Sorte „Klette“, der keinen Milimeter von einem weicht. Marcus Herzberg habe eine „grandiose Saison“ gespielt, sagt sein Trainer. Hinten stand der 28-Jährige sicher und vorne machte er die Buden. Da sei es egal, dass Herzberg etwas länger braucht. In der Kabine beim Umziehen und vor dem Anstoß beim Verstehen, wenn es die letzten Anweisungen gibt.

Zwei Stunde Passspiel, Fitness und Schusstechnik

„Entscheidend ist auf dem Platz“ hat Addi Preißler, legendärer BVB-Mannschaftskapitän der 1950er Jahre, einmal gesagt. Auf kein Team passt seine Fußball-Weisheit vermutlich so gut wie auf die Frechener Kreisklasse-C-Mannschaft vom CfR Buschbell Munzur, wo der geistig behinderte Verteidiger Herzberg zu den Leistungsträgern zählt. Er, dessen großes Vorbild BVB-Verteidiger Mats Hummels ist, steht regelmäßig in der Startelf, weil er besser spielt als viele seiner nicht behinderten Teamkollegen.

„Fußball ist mein Leben“, sagt Herzberg. Und bald, das hofft er, soll er sein Leben endlich ganz auf den Sport ausrichten dürfen. Herzberg trainiert am Fußballleistungszentrum für Menschen mit geistiger Behinderung in Frechen. Viermal pro Woche steht er abends auf dem Platz, übt Pässe, arbeitet an seiner Fitness, feilt an der Schusstechnik und gibt alles – nach acht Stunden Werkstattdienst in der Gärtnerei. Die Wochenendspiele in einer regulären Vereinsmannschaft sind seine hart erarbeitete Belohnung.

Inklusives Fest
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Das 15. große Fest für Menschen mit und ohne Behinderung vom Landschaftsverband Rheinland steigt am Samstag von 10 bis 18 Uhr im Archäologischen Park in Xanten – und die NRZ ist mit von der Partie.

An den rund 200 Aussteller-Ständen ist Mitmachen angesagt.

Die Gold-Kraemer-Stiftung stellt hier ihr Projekt, das Fußballleistungszentrum in Frechen vor.

Auf der Bühne treten u. A. der gehörlose Tänzer Tobias Kramer und Schlagerstar Guildo Horn auf.

Die Navi-Adresse lautet „Am Rheintor, Xanten“. Vom Duisburger Hauptbahnhof fahren Sonderzüge, vom Xantener Bahnhof Shuttlebusse.

Das Fußballleistungszentrum ist ein Projekt der Gold-Kraemer-Stiftung. Sie hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung über Sport zu erreichen. Mit der Fußballschule scheint der Gedanke aufzugehen: Die Spieler werden nach zwei bis drei Monaten so gut, dass sie in Vereinen mit anderen Spielern mithalten können.

Nun setzt sich die Stiftung dafür ein, dass ihr Leistungszentrum als Werkstatt anerkannt wird. „Die jungen Männer könnten sich dann ganz auf den Sport konzentrieren. Ihr Talent könnte so deutlich besser entwickelt werden“, sagt Brigitta Neumann, Geschäftsführerin der Stiftung.

Nichts für Untrainierte

Gerade kicken die Jungs nur zu viert auf dem Trainingsgelände. Einige von Herzbergs Teamkollegen sind verletzt, andere zum Saisonende nicht mehr ganz so motiviert. Für Trainer Ulrich Ollesch gilt das kaum. „Noch zehn, noch neun, noch acht“, ruft er den Spielern zu, die im Hocksprung mit den Fußspitzen gegen die Geländer tippen sollen. Für Untrainierte wäre das eine Übung zum Verzweifeln. Für die vier Jungs ist sie kein Problem.

Der 19-jährige Oliver Fey zieht zum Scherz ein bisschen an Herzbergs Hose und sein Trainer leistet sogar noch Schützenhilfe dabei. „Marcus, bist du sicher, dass du die Buxe nicht noch ein bisschen höher ziehen willst – ganz über die Brustwarzen?“ In Frechen herrrscht auf dem Platz der gleiche derb-lockere Umgangston wie in anderen Männermannschaften. Und es stimmt ja auch: Verteidiger Herzberg würde lässiger aussehen, wenn er sein vom deutschen Fußballbund gesponsertes Trikot nicht ganz so tief in die Hose stopfen würde. Dass es indes Herzbergs Mitspieler Fey gelingt, entspannt mit den anderen herumzublödeln, sei einer der großen Erfolge des Trainings, sagt Ollesch. „Oliver hatte früher schwere autistische Züge, mit drei Metern Abstand llief er neben den anderen her.“ Übrig geblieben von dieser Verhaltensauffälligkeit ist nichts. Zumindest nicht beim Fußballspielen.

Talent ist Voraussetzung

Ollesch hat Erfahrung mit geistig behinderten Sportlern. 13 Jahre lang trainierte er die deutsche Fußballnationalmannschaft für Menschen mit geistiger Behinderung. Inzwischen ist er Chefcoach der NRW-Auswahl und für die Frechener Jungs in Personalunion „Trainer, Lehrer, Freund und manchmal sogar auch Vaterersatz“, wie er selbst sagt.

Im Fußballleistungszentrum leben viele der jungen Männer das erste Mal mit Gleichaltrigen betreut zusammen. Voraussetzung für die Aufnahme ist zweierlei: fußballerisches Talent und eine Bestätigung der geistigen Behinderung.

Trainer Ollesch verbringt seine Wochenenden regelmäßig bei Fußballturnieren von Förderschulen und Werkstattmannschaften, um Talente zu sichten. Immer montags können neue Spieler Probetrainings absolvieren. Marcus Herzberg hat es so geschafft.

Besser alsdie Kreisklasse

Wenn sie jeden Tag intensiv trainieren würden, könnte mehr aus den Jungs werden als eine Verstärkung für die Kreisklasse, glaubt Ollesch. Bezirksliga womöglich. Das einzige Problem: Vereine zu finden, die geistig behinderte Spieler aufnehmen wollen. Auch bei Buschbell Munzur habe es gedauert, bis Herzberg, Fey und Co mit Handschlag von den anderen begrüßt worden seien.

Für Ollesch hat Fußball nur bedingt etwas mit Intelligenz zu tun. Hoch komplexe Spielzüge könne er mit seinen Jungs zwar nicht trainieren, sagt er. Aber an ihrem guten Gespür für den Ball lasse sich arbeiten.

Gerade ist die Kugel vom Ascheplatz ins Aus gerollt. Die anderen Spieler nutzen die Pause, um durchzuatmen. Marcus Herzberg spurtet dem Ball mit großen Sprüngen hinterher. Damit sie so schnell wie möglich weiter spielen können.

Meike Baars



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