Gefährliche Isolierungen

Styroporplatten zur Wärmedämmung können einen Brand gefährlich schnell beschleunigen.
Styroporplatten zur Wärmedämmung können einen Brand gefährlich schnell beschleunigen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Wärmedämmungen für Neubauten werden im Zug der Klimaschutz-Politik Pflicht. Doch das Material kann gefährliche Brände beschleunigen.

Köln.. Johannes Feyrer, Kölns Feuerwehrchef, hat in fast 40 Einsatzjahren dramatische Feuer gelöscht. Das schlimmste schlug ihm am Clevischen Ring entgegen. An einem Heiligabend stand hier ein achtgeschossiges Wohnhaus in Flammen.

Die Wehrleute haben noch in Erinnerung, wie sie vom Balkon im vierten Obergeschoss eine Frau mit einem Baby auf dem Arm gerettet haben. Aber fünf andere Menschen starben, zwei Kinder waren darunter. „Kaum ein Einsatz hat sowohl die Einsatzkräfte als auch die Bevölkerung in Köln so bewegt wie dieser Brand“, erinnert Feyrer in seinem Brandbericht.

Musste das so kommen? Zehn Jahre nach dem Ereignis ist der Brand am Clevischen Ring 2005 als bundesweit bisher folgenreichste Katastrophe in einer Liste eingetragen, die die Feuerwehr Frankfurt führt. Der Report ist im Auftrag der besorgten Länder-Bauminister erstellt. Die gelisteten 57 Fälle eint ein brisanter Verdacht: Bei der Ausbreitung der Feuer hat der Dämmstoff Styropor auf der Hauswand eine entscheidende Rolle gespielt und manche Brände erst wirklich gefährlich gemacht. Die Bilanz der Feuer: acht Todesfälle, viele Verletzte, Schäden in Millionenhöhe.

Warnungen seit Jahren

Mai 2005, Berlin. In der Treskowstraße setzte eine Kerze eine Wohnung in Brand. Über die Polystyrol-Fassade breitet sich das Feuer aus. Es gibt zwei Tote. 87 Menschen müssen gerettet werden.

Sirenen Juni 2010, Solingen. Der Brand nimmt die Styropor-Fassade als „Weg“ und zerstört eine komplette Physiotherapie-Praxis.

Juni 2011, Delmenhorst. Vier Menschen werden verletzt, als 22 Wohnungen ausbrennen. 200 Personen können gerettet werden.

November 2012, Radolfzell. Über die Dämmschicht greift das Feuer auf acht Wohnungen. Ein zunächst gerettetes Opfer stirbt.

„Wie flüssiger Treibstoff“ wirke manche Styropor-Beschichtung, warnt Frankfurts oberster Brandschützer Reinhard Ries. Bei Laborversuchen sind Feuer mehrfach rasch außer Kontrolle geraten. Die Warnungen gibt es seit Jahren.

Wärmedämmungen für bestimmte Neubauten werden im Zug der Klimaschutzpolitik der Bundesregierung Pflicht – allerdings, ohne dass diese ein konkretes Dämmmaterial festlegt. Auch werden zahlreiche Altbauten energetisch saniert. Die Regierung glaubt, dass in 50 Prozent aller Hausneubauten oder -sanierungen Styropor benutzt wird, das gut dämmt und zudem preiswert ist. 800 Millionen Quadratmeter des Stoffes sind heute in Deutschland verarbeitet.

Besondere Vorsicht bei Sanierung

Auffällig: Bei 41 der 57 Brände lag der Herd außerhalb des Wohnhauses – auf dem Balkon, in brennenden Müllhaufen, Containern, Altmöbel-Sammlungen oder in Autos vor der Hauswand. Der Bericht nennt hier auch das Feuer in der Gladbecker Straße in Essen im September 2009. Es entstand in ei­nem Abfallbehälter im Hinterhof. 21 Verletzte forderte ein ähnlicher Müllbrand in Frankfurt. Feuerwehr-Experten warnen: Solche Ereignisse seien für sie kaum noch unter Kontrolle zu bringen.

Dämmstoff Branddirektor Peter Bachmeier vom Feuerwehrverband sagt, ein besonders kritischer Zustand sei gegeben, wenn „ein Gebäude mit laufender Nutzung energetisch saniert wird“. Da fehle oft ganz der Putz. Bei einem Brand sei dann „regelmäßig eine erhebliche Gefahr für Leben und Gesundheit“ zu erwarten. Nach Ansicht der Wehren schützen aber auch Putzschichten dann nicht vor Dämmstoffbränden, wenn sie schon von kleinsten Haarrissen durchzogen sind.

Brandriegel können weiterlecken verhindern

Zwar setzt die Bundesregierung die 57 Feuer in Verhältnis zu bundesweit 160. 000 Brandereignissen mit 400 Toten in den letzten zehn Jahren. Aber angesichts des Dämmbooms will der Gesetzgeber möglichen Gefahren gegensteuern. Die Länder-Bauminister drängen darauf, dass die Vorschriften bei der Dämmung von Neubauten verschärft werden und der Einbau so genannter „Brandriegel“ Pflicht wird. Das sind Stoffe aus unbrennbarer Steinwolle, die Styropor-Flächen unterbrechen und das Weiterlecken der Flammen verhindern. Ihr Einzug kann das Dämmen um fünf Prozent verteuern.

Für bestehende Bauten haben Autoren eines internen Berichts der Bauministerkonferenz andere Abhilfe im Sinn: die Pflicht, Müll in brandfeste Gehäuse einzuschließen oder in drei Metern Abstand zur Wand zu lagern. Und vielleicht ein Parkverbot für Autos.