Frustration und Wut im sturmgeplagten New York

Nach dem Sturm "Sandy" sind weite Teile New Yorks noch immer ohne Strom und fließend Wasser.
Nach dem Sturm "Sandy" sind weite Teile New Yorks noch immer ohne Strom und fließend Wasser.
Foto: rts
Was wir bereits wissen
Nach dem Sturm "Sandy" sind weite Teile New Yorks noch immer ohne Strom und fließend Wasser. Immer wieder kommt es zu Handgreiflichkeiten. Die am schlimmsten betroffenen Viertel sollen schnelle Hilfe erhalten. Auch in New Jersey und auf Haiti hat "Sandy" schwere Schäden verursacht.

New York/Berlin/Port-au-Prince.. Tage nach Supersturm "Sandy" liegen bei vielen New Yorkern die Nerven blank. An den Brücken nach Manhattan bildeten sich kilometerlange Staus, an Haltestellen warteten riesige Menschenmengen ungeduldig auf Busse in die Innenstadt und an Tankstellen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen um das vielerorts immer noch knappe Benzin. Nach Tagen ohne Strom, fließendes Wasser und Heizung verließen viele Bewohner die Stadt.

Bürgermeister Michael Bloomberg versprach das ganze Wochenende über Wasser und Fertiggerichte in die am schlimmsten betroffenen Viertel bringen zu lassen, doch viele New Yorker waren frustriert. Die U-Bahn rollte zwar am Donnerstag nach dreitägiger Schließung im Großteil der Stadt wieder an, allerdings nicht in den Süden Manhattans und nach Brooklyn, wo die Tunnel überflutet waren.

1,5 Millionen Mahlzeiten sind in New York eingetroffen

Das New Yorker Rote Kreuz stellte zwölf Feldküchen bereit, die 200.000 warme Mahlzeiten pro Tag servieren können. Das US Transportation Command, das normalerweise für Truppentransporte und die Versorgung von Kampftruppen zuständig ist, schickte 55 Lastwagen mit 1,5 Millionen Mahlzeiten nach New York. 1,3 Millionen zusätzliche Rationen stünden für den Bedarfsfall bereit, hieß es.

Transportflugzeuge der Armee brachten nach Behördenangaben dutzende schwerer Reparaturlastwagen und ein Spezialistenteam von Kalifornien zu einem Stützpunkt in der Nähe der Ostküstenmetropole.

Immer wieder kam es zu Streit und Handgreiflichkeiten

Vor einer Arena in Brooklyn standen teilweise bis zu 1.000 Menschen und warteten auf einen Bus, an einer Tankstelle in Coney Island warteten mehr als 100 Wagen auf eine Tankfüllung. Immer wieder kam es zu Streit und Handgreiflichkeiten.

An Brücken nach Manhattan kontrollierten Polizisten, ob auch tatsächlich jeder Wagen wie angeordnet mindestens drei Insassen hatte. Die Kontrolle, die eigentlich Staus verhinderten sollte, führte zu kilometerlangen Schlangen. Einige der Autofahrer stiegen aus und beschimpften die Polizisten.

Zahl der Todesopfer nach "Sandy" stieg inzwischen auf fast 100

Mehr als 4,1 Millionen Häuser und Büros waren am Donnerstag (Ortszeit) immer noch ohne Strom, darunter 650.000 allein in New York. Der Stromversorger ConEd versprach, bis Samstag wieder die meisten New Yorker ans Netz zu bringen.

Die Zahl der Todesopfer in den USA stieg inzwischen auf 98, unter ihnen auch ein zwei- und ein vierjähriger Junge, die ihrer Mutter auf Staten Island durch das Flutwasser aus den Armen gerissen worden waren. Allein in New York starben nach Angaben von Bürgermeister Bloomberg vom Donnerstag mindestens 40 Menschen, mit weiteren Opfern sei zu rechnen.

"Sandy" verursacht Schaden von 50 Milliarden Dollar

Die versicherten Schäden durch "Sandy" werden auf 20 Milliarden Dollar, die wirtschaftlichen Folgen auf 50 Milliarden Dollar geschätzt. Etwa 650.000 Bewohner New Yorks waren weiterhin ohne Strom. Der Stromanbieter Con Edison warnte, in einigen Stadtvierteln von New York werde die Stromversorgung erst am 11. November wiederhergestellt sein. Der Süden von Manhattan soll bis Samstag wieder am Netz sein.

Die US-Küstenwache stellte nach mehr als drei Tagen auch die Suche nach dem Kapitän der "Bounty" ein. Das für den Film "Meuterei auf der Bounty" mit Marlon Brando gebaute Schiff war am Montag während des Unwetters in schwerer See vor der US-Ostküste gesunken. 14 Besatzungsmitglieder wurden gerettet, eine Frau starb nach ihrer Bergung im Krankenhaus.

Menschen in New Jersey stehen vor dem Nichts

In New Jersey wurden am Donnerstag viele Bewohner erstmals wieder in ihre Viertel zurückgelassen, seit "Sandy" die Küste verwüstetet hatte. Einige fanden nur kleine Schäden vor, andere standen vor dem Nichts. Der Zugang nach Atlantic City, in deren Nähe der Hurrikan am Montagabend auf Land getroffen war, blieb gesperrt.

Vor den wenigen geöffneten Tankstellen bildeten sich lange Schlangen von Autos sowie von Fußgängern, die Treibstoff für ihre Generatoren holen wollten. In dem Bundesstaat waren noch 1,8 Millionen Menschen, fast ein Viertel der Einwohner, ohne Strom.

Auf Haiti steigen Cholera-Infektionen nach "Sandy"

Die Zahl der Cholerainfektionen in Haiti ist laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen infolge des Hurrikans Sandy spürbar angestiegen. "Bereits seit Sonntag, also einen Tag, nachdem Sandy über Haiti gezogen ist, verzeichnen wir in unseren Behandlungszentren verstärkten Zulauf", sagte Claudia Evers, die für die Organisation als Ärztin in dem Land tätig ist.

Bereits mit Einsetzen der Regenzeit Anfang Oktober habe sich die seit Herbst 2010 andauernde Choleraepidemie verschlimmert. Sandy verschärfe die Situation zusätzlich.

Haiti wurde im Januar 2010 von einem schweren Erdbeben verwüstet, die sanitäre Infrastruktur wurde großflächig zerstört. In der Folge kam es zu einer Choleraepidemie, der Evers zufolge bis heute 7.600 Menschen zum Opfer gefallen sind. Die Zahl der Infektionen beläuft sich ihr zufolge auf rund 600.000. (dapd/afp)