Freispruch für Amanda Knox - Noch keine Begründung

Amanda Knox  auf der Anklagebank. Das Foto zeigt sie im September 2011 im Gerichtssaal von Perugia.
Amanda Knox auf der Anklagebank. Das Foto zeigt sie im September 2011 im Gerichtssaal von Perugia.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Der Freispruch in letzter Instanz für Amanda Knox und ihren früheren Freund Rafael Sollecito kam überraschend.

Rom.. Mit einem derart günstigen Urteil hatten nicht einmal die Verteidiger gerechnet: Amanda Knox (27) und ihr früherer Freund Raffaele Sollecito (31) sind endgültig freigesprochen worden. Siebeneinhalb Jahr nach dem bestialischen Mord an der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher befand das italienische Kassationsgericht in fünfter und letzter Instanz, Knox und Sollecito hätten „die Tat nicht begangen“.

Amanda Knox „Schockiert“ äußerte sich in England Arline Kercher, die Mutter der Ermordeten. „Schwer zu verdauen” sei dieser Freispruch für die Angehörigen, sagte der Anwalt der Familie Kercher, der – wie die meisten in Rom – eine Verurteilung oder zumindest den Rückverweis und damit eine erneute Verhandlung vor einem Berufungsgericht erwartet hatte.

Kassationsgericht kassierte Freispruch

Gleich zwei Verhandlungstage und anschließend zehn Stunden Beratungszeit hatten sich die Höchstrichter in Rom bis zum späten Freitag Abend genommen für ihre Entscheidung. Sie beschäftigten sich mit der recht verworrenen Sache selbst und damit, wie die bisherigen Gerichte zu ihren diametral entgegengesetzten Urteilen gekommen waren. Im ersten Anlauf waren Knox und Sollecito verurteilt, im zweiten freigesprochen worden. Daraufhin hatte das Kassationsgericht den Freispruch kassiert; die folgende Neuverhandlung vor einem Berufungsgericht hatte den beiden Haftstrafen von 28,5 und 25 Jahren eingetragen.

Urteil Auf die neue Urteilsbegründung muss man, wie üblich in Italien, einige Wochen warten. Erst dann wird klar sein, wie die Höchstrichter zu ihrem Dreiviertel-Freispruch gefunden haben – und wie sie mit dem Widerspruch umgehen, der nun nicht mehr auflösbar ist: Der einzige in dieser Sache rechtskräftig Verurteilte – Rudy Guede (28) – hat seine 16 Jahre Haft ja nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Mitwirkung an einer gemeinschaftlich begangenen Tat bekommen. Wenn aber – wie exakt dasselbe Kassationsgericht, das Guede verurteilt hat, heute feststellt – Knox und Sollecito als Tatbeteiligte ausfallen: Wer hat dann Meredith Kercher erstochen?

Neuaflage des Falls galt als „absurd“

Die Frage wird wohl auf immer ungeklärt bleiben. Die Tageszeitung „Corriere della Sera“ zitiert Justizquellen am Sonntag mit den Sätzen, die Kassationsrichter hätten „angesichts einer derart widersprüchlichen Beweislage und dermaßen schwacher Indizien“ eine Neuauflage des Prozesses als nicht zielführend, ja gar als „absurd“ zurückgewiesen. Das bestätigt Spekulationen, dass die Richter ihren Freispruch für Knox und Sollecito weniger mit der Unschuld der Angeklagten als mit dem „Fehlen von Beweisen“ begründen werden – und dass die italienische Spurensicherung heftig für ihre Schlampereien rüffeln werden.

Das aufsehenerregendste Beispiel war jener Büstenhalter des Opfers, der in der blutverschmierten Studenten-WG von Perugia 46 Tage auf dem Boden gelegen hatte, angefasst von allen möglichen Ermittlern. Auf seinem Verschluss hatten sich später Sollecitos DNA-Spuren gefunden. Während diese Spuren dem einen Gericht als hinreichender Beweis gegen den Angeklagten galten – die Rede war von einem ausgearteten Sexspiel oder gemeinschaftlicher Vergewaltigung – zweifelten andere Richter die Gültigkeit eines derart malträtierten Beweisstücks radikal an.