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Wirtschaftskrise

Französische Gewerkschafter drohen mit gewaltsamem Protest

05.03.2013 | 17:42 Uhr
Französische Gewerkschafter drohen mit gewaltsamem Protest
Gewaltbereit: Der Gewerkschaftsführer Gabriel Gawin.Foto: Getty Images

Vaux.  Der Abwärtsstrudel hat Frankreich, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht Europas, fest im Griff. 3,17 Millionen Menschen sind arbeitslos. Und dem französischen Industrieministerium soll eine Liste mit 2000 Firmen vorliegen, die vor dem Konkurs stehen. Gewerkschafter signalieren Gewaltbereitschaft.

Hohe Flammen schlagen vorm Werkstor aus den aufgetürmten Reifen und Euro-Paletten. Die Belegschaft der Gießerei in Vaux bei Vichy kämpft seit Wochen gegen die drohende Schließung. Die Stimmung im Werk ist buchstäblich bombig. Gabriel Gawin, der Gewerkschaftsführer, deutet auf die 14 grünen Propangasflaschen, die sie mit Drähten und Zündern versehen haben. „Macht die Firma dicht, geht das ganze Werk in die Luft“, drohen sie.

Mit den selbst gebastelten Sprengsätzen sorgt die Gewerkschaft landesweit für Aufmerksamkeit. Es ist ein verzweifelter Hilfeschrei. Vor ein paar Jahren, als es bei dem Automobilzulieferer noch brummte, da waren sie über 800. Übrig geblieben sind davon gerade einmal 168. Ein neuer Investor möge so viele Stellen wie möglich erhalten, fordern die Männer. Wer gehen müsse, möge 50.000 Euro Abfindung erhalten. Woher das Geld kommen soll, weiß keiner.

Von der boomenden Luxusindustrie abgesehen wächst die Verzweiflung in französischen Betrieben. Der Abwärtsstrudel hat die zweitgrößte Wirtschaftsmacht Europas fest im Griff. Peugeot- Citroën streicht 8000 Jobs, Renault 8200. Die Arbeitslosigkeit erreicht ständig neue Rekordwerte, neuerdings sind 3,17 Millionen erwerbslos. Statt Wachstum und Zuversicht herrschen Stillstand und Resignation.

Pleiten und Absatzeinbrüche, Massenentlassungen und Sozialpläne

In Aulnay-sous-Bois bei Paris, wo der taumelnde Autoriese Peugeot-Citroën 2014 sein Traditionswerk mit über 3000 Beschäftigten schließen wird, ist die Stimmung schon seit Monaten explosiv. Mal lassen streikende Arbeiter Mobiliar zu Bruch gehen, dann bewerfen sie Arbeitswillige mit Eiern und Schrauben.

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Die sich häufenden Hiobsbotschaften handeln stets von Pleiten und Absatzeinbrüchen, von Massenentlassungen und Sozialplänen. Dem Industrieministerium soll eine schwarze Liste von 2000 Firmen vorliegen, die vor dem Konkurs stehen.

Damit Frankreich nicht absteigt zum kranken Mann Europas, ist eine Modernisierung der Sozialsysteme dringend vonnöten. Erforderlich sind Strukturreformen im Stil der Agenda 2010, die die dramatisch eingebüßte Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft verbessern. Das wiederum setzt kompromissbereite Tarifpartner voraus. Doch Errungenschaften wie Tarifautonomie und Mitbestimmung - in Deutschland gang und gäbe - sind in Frankreich Fremdworte. Gerade deshalb wurde der im Januar nach Monate langem zähen Ringen von Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelte „flexisécurité“-Kompromiss als „historisch“ gefeiert. Auch Staatspräsident François Hollande triumphierte, schließlich hatte er die beiden Lager an den Verhandlungstisch geholt.

Protestmärsche gegen den „Kompromiss der Schande“

Die Abmachung soll Unternehmern künftig mehr Flexibilität bescheren, indem sie in einer Krise Arbeitszeiten und Löhne senken sowie Mitarbeiter innerhalb der Firma einfacher versetzen können. Eine französische Spezialität: Aus Angst, mit einer Flut langwieriger Arbeitsgerichtsklagen überzogen zu werden, sind nur noch die allerwenigsten Chefs bereit, langfristige Arbeitsverträge abzuschließen. Acht von zehn Verträgen sind inzwischen befristet, manchmal sogar nur für einen Monat. Im Gegenzug wollen sich die Arbeitgeber nun verpflichten, die soziale Absicherung ihrer befristeten Mitarbeiter zu erhöhen, etwa durch eine verbesserte Krankenversicherung und höhere Sozialabgaben.

Wie brüchig der „historische“ Kompromiss jedoch ist, zeigt sich in diesen Tagen. Denn die kommunistisch orientierte Gewerkschaft CGT und die ebenfalls klassenkämpferische „Force Ouvrière“ (FO) lehnen das von drei moderaten Gewerkschaften ausgehandelte Papier kategorisch ab. Ehe die Regierung die Gesetzesinitiative an diesem Mittwoch auf den parlamentarischen Weg bringt, riefen CGT und FO am Dienstag in 174 Städten zu Protestmärschen gegen den „Kompromiss der Schande“ auf.

Gerd Niewerth


Kommentare
06.03.2013
09:00
Hartz IV für Frankreich?
von karmey | #3

Ein Bericht voller Klischees: Der brennende Autoreifen, die rabiaten Gewerkschaften, niedergehende Industrien - Frankreich als kranker Mann Europas. Dabei gibt es niedergehende Industrien in der Folge des Strukturwandels auch in Deutschland, insbesondere im Ruhrgebiet: Nokia, Opel, Thyssen, Schienenhersteller TSTG usw.

Dabei wird übersehen, dass es, wie in Deutschland, in Frankreich zwar eine hohe Arbeitslosigkeit gibt, die Menschen dort aber nicht in irgendwelche Billigjobs gepresst werden, um aus der Statistik zu verschwinden. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist in Frankreich grundsätzlich nicht grösser als in Deutschland.

Auch mit der deutschen Tarifautonomie und Mitbestimmung ist es nicht mehr weit her: Dumpinglöhne, christliche Gewerkschaften, Mitbestimmung in Leiharbeitfirmen? Wirklich ein Vorbild für Frankreich? Und Frankreich braucht Reformen a la Hartz IV? Wirklich? Ich habe da so meine Zweifel.

06.03.2013
00:11
Französische Gewerkschafter drohen mit gewaltsamem Protest
von fogfog | #2

bald muss frankreich auch unter den schirm. und wer hält diesen schirm noch fest??
am meisten wohl der deutsche steuerzahler. und die eu-beamten verdienen weiter ihre übermässigen gehälter, da ist von kürzungen keine rede. und bei den bankern auch nicht.
das ganze dilemma verdanken wir euro und eu. und die kommission kümmert sich darum das unser wasser privatisiert wird. was kommt als nächstes??unsere luft??

05.03.2013
18:15
Französische Gewerkschafter drohen mit gewaltsamem Protest
von Westphale | #1

Hört, hört! Dabei geht es doch - angeblich - in der Euro-Zone wieder aufwarts. Komisch, dass sich diese Androhungen und Befürchtungen mit den 2008/2009 veröffentlichten Voraussagen von CIA-Analysten decken und einer Rede von EU-Kommissionspräsident Baroso entsprechen, der 2009 vor entsetzten Politikern und Gewerkschaftern in Brüssel vor "bürgerkriegsähnlichen Unruhen und Staatsstreichen in der EU" warnte.

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