Frankreich in Angst

Paris..  Der Mann, der anscheinend das nächste Attentat auf Frankreich geplant hatte, lebt erst seit einigen Jahren im Land. Bei dem Verdächtigen handelt es sich um den aus Algerien stammenden und 2009 im Rahmen einer Familienzusammenführung nach Frankreich gekommenen Sid Ahmed Ghlam (24). Der Informatikstudent hatte am Sonntagmorgen den Notarztdienst Samu angerufen, weil er aufgrund einer Schussverletzung an der Hüfte viel Blut verlor.

Die Rettungssanitäter eilten dem Mann in seiner Wohnung im 13. Arrondissement von Paris zu Hilfe und verständigten anschließend die Polizei. Dazu sind sie in allen Fällen von Stich- oder Schussverletzungen verpflichtet. Die Polizisten verfolgten die von Ghlam hinterlassene Blutspur zurück bis zu einem in der Nähe geparkten Auto. Im Inneren des Fahrzeugs fanden sie eine Kalaschnikow, eine als gestohlen gemeldete Sig-Sauer Pistole, eine schusssichere Weste sowie ein Blaulicht. Der inzwischen ins Krankenhaus gebrachte Student gestand im Verhör, der Eigentümer des Autos zu sein. Daraufhin wurde auch seine Wohnung durchsucht, in der die Ermittler auf ein ganzes Arsenal an Kriegs- und Handfeuerwaffen, Munition und kugelsichere Westen stießen.

Mehrere weitere Schriftstücke sowie die Auswertung seines Computers belegen offenbar, dass Ghlam noch am gleichen Tag einen Anschlag auf eine oder zwei Kirchen verüben wollte. Um welche Kirchen es sich handelt, mochte Innenminister Bernard Cazeneuve aus Sicherheitsgründen nicht mitteilen. Der Mann habe sich mit einer weiteren Person über Anschlagspläne ausgetauscht, sagte für Terrorismus zuständige Staatsanwalt François Molins. Der Gesprächspartner könnte sich in Syrien befinden. Er habe den Studenten aufgefordert, eine Kirche ins Visier zu nehmen. Die Kripo glaubt, dass Ghlam ferner in den Mord an einer Frau verwickelt sei, der sich Sonntag früh im Pariser Vorort Villejuif ereignete. Dort war die durch drei Schüsse getötete Sportlehrerin Aurelie Chatelain (32) in ihrem brennenden Auto von Passanten entdeckt worden. Dass sich der Student zur Tatzeit in Villejuif aufhielt, belegen Videobilder.

Womöglich leistete Frau Widerstand

Laut der in den Augen der Ermittler „derzeit wahrscheinlichsten Hypothese“ soll Ghlam versucht haben, Chatelains Auto für die Ausführung seiner Attentatspläne zu rauben. Möglicherweise leistete die Frau Widerstand, jedenfalls brachte der Täter sie um, wobei er sich selbst eine Kugel ins Bein schoss. Geständig ist Ghlam, der sich nach wie vor im Krankenhaus und in Polizeigewahrsam befindet, jedoch – noch – nicht. Gestern wurde auch seine Schwester, strenggläubige Muslima, festgenommen.

Ein Unbekannter war der mutmaßliche Attentäter für die Sicherheitsbehörden keineswegs. Voriges Jahr hatte er versucht, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen. Er verschwand eine Woche in der Türkei und wurde bei seiner Rückkehr nach Paris festgenommen. Doch die Ermittler konnten ihm im Verhör keine belastenden Informationen entlocken. Auch eine Durchsicht seiner Internetverbindungen ergab keine Beweise, die zur Eröffnung eines Strafverfahrens gereicht hätten. Der junge Mann wurde wieder frei gelassen, aber sporadisch überprüft und überwacht.

Lückenhafte Überwachung

Einer solchen keineswegs lückenlosen Überwachung unterlagen auch die drei Attentäter, die für die blutige Pariser Anschlagsserie im Januar verantwortlich sind. Die Gebrüder Saïd und Chérif Kouachi hatten die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ angegriffen und dort zwölf Menschen erschossen. Zwei Tage später tötete Amédy Coulibaly eine Polizistin und tötete bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris vier weitere Menschen. Seither gelten in ganz Frankreich erhöhte Sicherheitsvorkehrungen; im Großraum Paris gilt Terroralarm.

Premierminister Manuel Valls rief gestern die Franzosen erneut zu erhöhter Wachsamkeit auf: Weitere Attentatsversuche seien zu befürchten. „Frankreich ist eine Zielscheibe des Terrors“, sagte Valls. Er fügte hinzu, die Bedrohungslage sei „von nie gekanntem Ausmaß“.