Forscher rätseln über tote Tümmler vor der US-Küste

So vital sind längst nicht alle Defline. Fast täglich finden Wissenschaftler tote Tiere vor.
So vital sind längst nicht alle Defline. Fast täglich finden Wissenschaftler tote Tiere vor.
Foto: Nancy Nehring
In den ersten acht Monaten des Jahres wurden 300 tote Tiere angespült. Das mysteriöse Delfinsterben an der US-Ostküste beunruhigt Meeresforscher. Ein Morbilli-Virus könnte die Ursache sein. Experten befürchten, es handle sich um eine Seuche, die sich auf große Teile der Population übertragen könnte.

Washington.. Mark Swingle und seine Kollegen vom „Aquarium & Marine Sciene Center“ in Virginia Beach haben den unruhigsten Sommer seit Jahrzehnten. Fast jeden Tag werden die Wissenschaftler über eine eigens eingerichtete Telefon-Hotline an einen Küstenabschnitt zwischen Reedville und False Cape State Park gerufen – zur Leichenbeseitigung. Betroffen ist der „Große Tümmler“ (Tursiops truncatus), eine bekannte Delfin-Art. Beunruhigend: Niemand kennt die Ursache. Noch beunruhigender: Die Zahlen steigen beängstigend. Nicht nur im Bundesstaat Virginia.

Im Schnitt werden an der amerikanischen Ostküste pro Jahr rund 100 tote Delfine angeschwemmt. In den ersten acht Monaten dieses Jahres sind es allein in den Mittelatlantik-Staaten Virginia, Maryland, Delaware, New Jersey und New York bereits über 300. Vereinzelt macht der Anstieg über 800 Prozent aus. Tendenz steigend. „Es ist wirklich alarmierend“, sagt Trevor Spradlin, Meeresbiologe bei der amerikanischen Meeresbehörde NOAA, „wir fürchten, dass hier eine Seuche ausgebrochen ist, die auf größere Teile der Delfin-Population übergreifen kann.“

Tierliebe Dutzende Labore sind mit Autopsien beschäftigt

Die Organisation hat reagiert und sozusagen einen Notstand ausgerufen. „Unübliches Todesfallereignis“ heißt das im Bürokratensprech. Verbunden damit sind Verhaltensmaßnahmen für die urlaubende Strandbevölkerung („tote Delfine nicht berühren, Haustiere fernhalten, Experten anrufen“) und mehr Geld für die Akut-Suche nach der Ursache. Dutzende Labore landesweit sind mit den Analysen der Autopsien beschäftigt. Bei alldem drängt die Zeit.

Betroffen bei den als sehr sozial geltenden Tümmlern, die in Verbänden von rund 15 Tieren durch die Meere ziehen, sind alle Altersklassen, Männchen wie Weibchen. Manchmal tun die eleganten Schwimmer am Strand ihren letzten Atemzug, berichtet Veterinärin Cindy Driscoll, manchmal hat die Verwesung der Tier-Kadaver bereits eingesetzt. Während etliche Tiere erkennbar abgemagert sind, Lungenentzündungen und deutliche Pilz-Erkrankungen der Haut und des Mauls aufweisen, sehen andere Exemplare von außen normal aus.

Verdächtigt wird im aktuellen Fall einmal mehr der Morbilli-Virus, besser bekannt als Staupe-Virus. An den Erreger, der auch Masern auslöst, haben nicht nur die Wissenschaftler der Meeresbehörde NOAA denkbare schlechte Erinnerungen. Zwischen Juni 1987 und März 1988 verendeten am Küstenstreifen zwischen New York und Florida über 800 Delfine an dem Morbilli-Virus. 1990 erlitten Tausende Streifendelfine an den Stränden Spaniens das gleiche Schicksal.

Tiere Delfine gelten als Meeres-Wächter

In einzelnen Kadavern, die jetzt an der US-Küste gefunden wurden, war der Morbilli-Erreger bereits nachweisbar, sagt Charles Potter vom „Smithsonian Institute for Natural History“. Bis die Diagnose anhand von Gewebeproben auch in der Fläche zweifelsfrei gestellt wird, können allerdings Wochen bis Monate vergehen, sagt Potter. Bis auf Weiteres gelten daher auch andere Phänomene wie Wasserverschmutzung, Klimaveränderungen, Vergiftungen durch Algen oder andere Biotoxine als mögliche Verursacher.

Meeres-Biologen sind durch die Vorfälle stark beunruhigt, weil die bis zu 300 Kilogramm schweren und maximal vier Meter langen Delfine im maritimen Ökosystem als „Wächter“ gelten. Sind sie krank, liegt der Verdacht nahe, dass auch ihr „Futter“ (Fische, Krebse, etc.) befallen ist. Was das bedeuten kann, zeigt laut Charles Potter dieser Vergleich: In nur einem Eimer Meerwasser finden sich ähnlich viele Lebewesen wie Menschen auf der Erde.