Das aktuelle Wetter NRW 4°C
BBC-Affäre

BBC-Chef wegen Hexenjagd auf Unschuldige zurückgetreten

11.11.2012 | 17:37 Uhr
Weil seine Redaktion fälschlich einen Politiker als Vergewaltiger bezeichnete, trat BBC-Direktor George Entwistle zurück.Foto: AFP

London. Erst vertuschte der britische Sender BBC Missbrauchsvorwürfe gegen seinen Star-Moderator Jimmy Savile, dann provozierte er das Publikum zur Hexenjagd auf Unschuldige: Im größten Kinderschänder-skandal der britischen Geschichte agiert der Sender so kopflos, dass BBC-Direktor George Entwistle am Samstagabend seinen Rücktritt erklärte.

Damit ist er das prominenteste Opfer einer Hysterie-Welle, die seit Wochen von britischen Medien forciert wird. Den Reportern von „Newsnight“, dem renommierten BBC-Sendeplatz für Top-Geschichten, war ein echter Coup gelungen: Im täglich dichter werdenden Skandal um missbrauchte Heimkinder hatten sie ein Opfer gefunden, das vor der Kamera bestätigte, in der Jugend von einem hochrangigen Tory-Politiker in Wales vergewaltigt worden zu sein.

Video
London, 11.11.12: Der Chef der BBC, George Entwistle, ist am Samstag nach einem Bericht über angeblichen Kindesmissbrauch durch einen Politiker zurückgetreten. Entwistle räumte ein, dass er von dem Beitrag im Vorfeld nichts wusste.

Die Sendung wurde groß angekündigt, auf Twitter heizte ein Mitarbeiter Spekulationen um die Identität des Täters an: „Wenn alles gut läuft, enttarnen wir heute Abend einen wichtigen Konservativen als Pädophilen.“ Obwohl dessen Name in dem Report am 2. November nicht fiel, reichten die Andeutungen, um den mutmaßlichen Kinderschänder als Lord Alistair McAlpine zu identifizieren – Ex-Schatzmeister der Konservativen, ein Vertrauter von Margaret Thatcher.

Ex-Schatzmeister der Konserativen hatte nie Kinderheime besucht

Der BBC-Knüller hatte nur einen Haken: McAlpine hat nie Kinderheime in Wales besucht und kennt auch das Opfer nicht – der Politiker, dessen Name seit der Recherchepanne weltweit durchs Netz kursiert, ist unschuldig. Selbst das Opfer hat, nun da es Bilder von McAlpine in Zeitungen gesehen hat, eingeräumt, dass der Täter ein anderer war. Hätten die Reporter ihm vor dem Interview ein Foto gezeigt, wäre die Verwechslung wohl nie passiert.

Nach dem Fiasko hat BBC-Generaldirektor George Entwistle Samstagabend seinen Hut genommen. Er war erst vor Kurzem – ironischerweise – ins Kreuzfeuer geraten, nachdem „Newsnight“ eine Enthüllungsgeschichte über den BBC-eigenen pädophilen Moderator Jimmy Savile nicht gesendet hatte. In einem peinlichen Live-Interview, das er dem eigenen Haus gab, offenbarte der Sender-Chef riesige Informationslücken. Entwistle hatte sich mit den Anschuldigungen, die sein Team gegen McAlpine erhob, gar nicht groß befasst.

Nur Stunden nach Entwistles Rücktritt kursierte auf einem britischen Nachrichtenportal der Name einer anderen Tory-Größe, der der wahre Kinderschänder in dem Fall sein soll. Ungemütlich wird es aber auch für das Redaktionsteam von Newsnight: Führungskräfte sollen wegen der schlampigen Recherchen ihren Hut nehmen. Als Sofortmaßnahme sind heikle Themen erst einmal gestrichen worden. Statt einer Enthüllungsgeschichte über die reichen Barclays-Brüder sendet die BBC diese Woche eine Dokumentation über wilde Dachse.

Jasmin Fischer

Kommentare
Funktionen
Aus dem Ressort
David Hasselhoff macht Furore mit Video im Retrostil
Comeback
David Hasselhoff macht den Titelsong "True Survior" zum Crowdfunding-Filmprojekt "Kung Fury" - nebenbei kämpft er gegen fiese Gangster und Monster.
Wald- und Steppenbrände in Sibirien breiten sich weiter aus
Brandkatastrophe
Brandkatastrophe in Sibirien: Moskaus Umweltministerium berichtet über Wald- und Steppenbrände mit Ausmaßen von mehr als 1700 Quadratkilometern.
Wikileaks zeigt gestohlene Unterlagen von Sony Pictures
Hacker-Angriff
Die von Hackern gestohlenen Dokumente sind wieder im Internet. Eine Aktion von Wikileaks, die auch Sonys Kontakte zur US-Regierung aufzeigen soll.
Ermittlungen nach Tod christlicher Flüchtlinge im Mittelmeer
Flüchtlinge
Auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer wurden wohl zwölf Menschen über Bord geworfen. Ein Streit zwischen Muslimen und Christen? Italien ermittelt.
Umfrage zeigt: Jeder zweite Priester mit Zölibat unzufrieden
Kirche
Eine neue Umfrage zeigt, dass ein großer Anteil der katholischen Priester sich nicht noch einmal für ein Leben als Priester entscheiden würde.
article
7281435
BBC-Chef wegen Hexenjagd auf Unschuldige zurückgetreten
BBC-Chef wegen Hexenjagd auf Unschuldige zurückgetreten
$description$
http://www.derwesten.de/panorama/falscher-verdacht-politiker-war-kein-vergewaltiger-id7281435.html
2012-11-11 17:37
Panorama