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Fahrrad-Krieg auf Pariser Boulevards

08.07.2008 | 22:08 Uhr

VERKEHR. Leihradsystem "Velib" ist ein voller, allerdings auch unfallträchtiger Erfolg.

Der Auslöser des Streits: Mit den mausgrauen Rädern fahren auch viele Touristen zu den Wahrzeichen. (Foto: afp)

PARIS. Es darf ruhig von einer kleinen Revolution gesprochen werden. Paris, wo noch vor einem Jahr nur Todesmutige ein Fahrrad zu benutzen wagten, ist dank eines höchst erfolgreichen Ausleihsystems zur Zweiradmetropole geworden. Heute gehören die im Juli 2007 eingeführten mausgrauen "Velib"-Räder zum Straßenbild wie Sacre-Coeur oder der Eiffelturm. Der Erfolg übertrifft selbst die kühnsten Prognosen: 200 000 Einheimische - beinahe jeder zehnte Hauptstädter - haben inzwischen ein Jahresabo und im Schnitt werden die rund 16 000 Räder jeden Tag 120 000 Mal ausgeliehen.

Auch die Touristen nehmen das Angebot, Paris vom Fahrradsattel aus zu erkunden, begeistert an. Doch die Radler-Invasion auf dem harten Hauptstadtpflaster hat ihre Schattenseiten. Unfälle, bei denen allein in den letzten vier Monaten drei Velib-Kunden ums Leben kamen, sind an der Tagesordnung. Die "verkehrsberuhigende" Wirkung der Fahrräder, auf die die rotgrüne Stadtverwaltung gesetzt hat, ist ausgeblieben. Stattdessen tobt ein regelrechter Kleinkrieg auf den Boulevards von Paris. Während die Zweiradfraktion den Automobilisten, Taxi- und Busfahrern grobe Rücksichtslosigkeit vorwirft, schimpfen diese über die sämtliche Verkehrsregeln missachtenden und ungeübten Radfahrer. Tatsächlich sind viele der durchweg ohne Kopfschutz radelnden Velib-Benutzer auf den ersten Blick als Anfänger zu erkennen. Dass die Leihräder zudem stattliche 22 Kilo wiegen und nur über drei Gänge verfügen, macht die Eingewöhnung nicht gerade einfacher. Zwar sind die Ordnungshüter angewiesen, härter gegen die Zweirad-Rowdys vorzugehen. Doch da die Velos kein Nummernschild haben, muss die Polizei die Velib-Sünder in flagranti ertappen und stellen.

"Hier herrscht bald das Faustrecht"

1000 Strafmandate für Radfahrer wurden seit Jahresbeginn trotzdem ausgestellt. In den Augen der anderen Verkehrsteilnehmer ist das freilich viel zu wenig. Und da die explodierenden Benzinpreise die Zahl der Velib-Benutzer weiter nach oben treibt, verhärten sich die Fronten zusehends. Nach den Sommerferien soll der Leihrad-Bestand zudem um weitere 4000 Einheiten aufgestockt werden. Im Pariser Rathaus setzt man darauf, dass sich die Mentalität aller Verkehrsteilnehmer "den neuen Gegebenheiten" schon anpassen wird. Ein Taxifahrer, dessen Wagen die frischen Spuren einer Kollision mit einem Velib trägt, sieht das anders: "Wenn das so weitergeht, herrscht hier bald das Faustrecht!" (NRZ)

PETER HEUSCH

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