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Eva Herman in der Heimaterde

29.01.2008 | 00:39 Uhr

DEBATTE. Das personifizierte Unbehagen an der Moderne war zu Gast in Mülheim. Ein seltsam widersprüchlicher Abend.

MÜLHEIM. Ist Eva Herman eine Nationalsozialistin? Nun, sie trug am Montag Abend ein dunkelbraunes Kostüm und trat in einem Mülheimer Stadtteil auf, der "Heimaterde" heißt, was ja irgendwie nach Blut-und-Boden klingt. Wäre man also einer jener "Enthüllungs-Journalisten", denen es um billiges Fertigmachen geht, und würde man der neudeutschen Verdächtigungskultur frönen, dann könnte dieser Text hier fast schon wieder zu Ende sein. Urteil gefällt, Deckel drauf, fertig. Das wahre Leben ist aber meistens komplizierter.

Zunächst ist die frühere Tagesschau-Sprecherin bemüht, ihren Ruf wieder herzustellen, womit sie sicher noch Jahre beschäftigt ist. Die "Eva Braun"-Gemeinheit von "Bild" hat sich in die Köpfe gefressen. Herman verweist auf die gesamte Rede-Passage ihrer berühmten Pressekonferenz vom 6. September 2007. Ein Lob der NS-Familienpolitik, wie sie eine Journalistin des "Hamburger Abendblatts" hier erkannt haben wollte, lässt sich daraus wirklich nur mit ziemlich selektiver Wahrnehmung konstruieren. Man könnte auch weniger schmeichelhaft von bösem Willen sprechen. Tatsächlich habe sie, sagt Eva Herman, nur die so genannten 68er kritisieren wollen. Indem die Protestler Werte abräumten, die durch die NS-Zeit kontaminiert waren, hätten sie in einem Aufwasch gleichzeitig jahrhundertealte Familienwerte zerstört, die nun bitter fehlten.

"Ich sehe sie als Opfer einer Medienkampagne"

Sagen wir es so: Es war ein Gedanke, der zu Missinterpretationen einlud, wenn man ihn in einen einzigen wirren, langen Satz packt und wenn man vor allem genügend Feinde hat, die nur auf eine solche Gelegenheit warten. Und an Feinden mangelt es Eva Herman nicht, seit sie alles Elend der Welt arg einseitig bei einer Bewegung ablädt, der angehört zu haben viele Mächtige stolz sind und die zusätzlich viele spätberufene Bewunderer hat.

So erklärt sich vielleicht, dass die "Abendblatt"-Story sofort begierig und unkritisch aufgegriffen wurde, obwohl 30 andere Journalisten bei der besagten Pressekonferenz keine NS-Propaganda vernommen hatten. "Ich sehe sie als Opfer einer Medienkampagne", meinte der Mülheimer Pfarrer Wolfgang Sickinger, in dessen Erlöserkirche sie zu Gast war.

Festzuhalten bleibt jedenfalls: Eva Herman ist keine Nationalsozialistin, sie distanziert sich glaubwürdig. Doch ist sie deshalb schon ein kluger Zeitkritiker, wie Pfarrer Sickinger meint? Da sind nun wieder Zweifel angebracht. Herman versteht es zwar, das Unbehagen an der Moderne, die in vielen Köpfen wabernden Ressentiments gegen das gefühlt ungerechte und unsichere Leben rhetorisch gut auf den Punkt zu bringen. Doch am Ende bleibt ein krudes Weltbild übrig, in dem sich vieles trifft, aber wenig zusammenpasst.

Sicher, wer wollte bestreiten, dass es in Deutschland Milieus gibt, die nichts mehr von Kinderbedürfnissen verstehen, dass es überhaupt zu wenig Kinder gibt, dass Berufs- und Familienpflichten oft schwer vereinbar sind? Aber kann denn wirklich die Lösung sein, was Eva Herman anbietet: "Wir Frauen müssen wieder selbstloser werden, wie es früher war." Hat wirklich eine große Verschwörung von Medien, Wirtschaft und Politik den Menschen das Wissen darüber ausgetrieben, was in Wahrheit gut für sie ist? Herman scheint sowas zu glauben und Versatzstücke davon glauben viele andere ja auch.

Dieser Urwald-Stamm, wo alle nett zueinander sind

Viel geht da Durcheinander. Mal wünscht sie sich in Zeiten zurück, als alles hübsch ordentlich und übersichtlich war, wo Kinder "ihre Mama, den Papa und ihre Ruhe" hatten, wo Männer hinaus ins feindliche Leben zogen, Frauen die Kinder hüteten und alle wussten, wo sie hingehörten. Kurz darauf klingt sie wie eine verhinderte Revolutionsführerin, die demnächst die Straße mobilisiert: "Wir lassen uns doch von den Politikern alles gefallen." Mal ist die Welt ein Jammertal, in dem "alles zusammenkracht", dann liegt es aber auch wieder "an jedem Einzelnen", dem Nächsten genügend Liebe zu geben, und dann klappt das irgendwie schon.

Sie schimpft über Kinderkrippen und den Fall Nokia, über die Einebnung der Geschlechterunterschiede und die Globalisierung, über den Feminismus und die kapitalistische Wirtschaft, die sich die Politik als Büttel hält und "uns alle fertig macht". Dann kennt sie da einen Urwald-Stamm, in dem die Kinder "24 Stunden bei der Mutter sind" und wo infolgedessen alle friedlich leben. Aus dem Arsenal der Küchenpsychologie bedient sie sich ebenso virtuos wie aus dem des deutschen Kulturpessimismus, wo der Hass auf das Politische sein Zuhause hat.

Ihr heftiges Nein zu einem Zuhörer-Vorschlag, sie möge doch selbst in die Politik gehen, ist verräterisch. Hermans Welt ist zu harmonisch, zu simpel, und vor allem zu widersprüchlich, als dass man sie hier hernieden realisieren könnte oder nur sollte - so widersprüchlich wie sie selbst, die irgendwie stolz ist auf ihre Fernseh-Karriere und die sich gleichzeitig dafür hasst, ihren Mutterpflichten unvollkommen und zu spät nachgekommen zu sein.

Der Spiegel einer verunsicherten Gesellschaft

Um das intellektuelle Chaos perfekt zu machen, sagt sie dann gegen Ende den Satz, der im Grunde ihre eigenen Thesen wieder einreißt: "Zurück können wir nicht, das Leben wird nach vorne gelebt." Eben.

Eva Herman ist wohl schlicht der Spiegel einer sehr verunsicherten Gesellschaft. Das macht sie durchaus interessant. Und so war es auch an diesem Gruppentherapie-Abend in Mülheim gut, mal drüber geredet zu haben. Gebracht hat es allerdings nichts.

FRANK STENGLEIN

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