Das aktuelle Wetter NRW 4°C
Prozess

Essener Betrüger in Augsburg zu Haftstrafe verurteilt

21.08.2012 | 17:58 Uhr
Essener Betrüger in Augsburg zu Haftstrafe verurteilt
Justitia hat geurteilt: Karwan M. aus Essen wurde in Augsburg zu sieben Jahren Haft verurteilt.Foto: Archiv

Augsburg.   In einem der ersten großen Prozesse gegen Internet-Betrüger wurde der Essener Karwan M. zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt. Ihm wird Computer-Betrug, Anstiftung zur Körperverletzung und Nötigung vorgeworfen. Der 23-Jährige will gegen das Urteil Revision einlegen.

Nein, nun kann man ihn nicht mehr „gut gelaunt auf Weekend-Session-Partys“ sehen, und er wird auch nicht mehr mit seinem BMW-6er-Cabrio durch die Gegend kurven können. Vorbei ist die großmäulige Internet-Prahlerei. Ein Schwindel, so wie die Online-Shops, die er betrieb. Karwan M., der angeblich so erfolgreiche Unternehmer aus Essen, sitzt stattdessen im Gefängnis.

In einem der ersten großen Prozesse gegen Internet-Betrüger in Deutschland wurde der 23-Jährige gestern vor dem Landgericht Augsburg zu sieben Jahren Haft wegen Computer-Betrugs, Anstiftung zur Körperverletzung und Nötigung verurteilt.

Karwan M. gilt als Kopf der sogenannten Fakeshop-Bande, die die „Geiz-ist-geil“-Mentalität von Kunden zu nutzen wusste, ihnen von Laptops über Haushaltsgeräte und Goldbarren alles Erdenkliche günstig anbot. Verkauft wurde gegen Vorkasse, geliefert wurde nie. Über 1,1 Millionen Euro soll die Bande so abgeschöpft, mehr als 1600 Menschen betrogen haben.

Zweieinhalb Jahre war ihnen das Landeskriminalamt Bayern auf der Spur, hörten Fahnder ihre Telefone ab. Staatsanwalt Straßer geht gar davon aus, dass der Schaden eher zehn Millionen Euro beträgt.

Karwan M. hört regungslos dem Staatsanwalt zu

Karwan M. ist an diesem Tag des Urteils alles andere als gut gelaunt. Regungslos hört er dem Staatsanwalt zu, wie der plädiert, genauso regungslos nimmt er das Urteil entgegen. Ein relativ kleiner Typ in Jeans und kariertem Kurzarmhemd, mit etwas moppeliger Statur. Während der 15 Verhandlungstage hat er geschwiegen, das Gericht allenfalls mit „Beweisanträgen zermürbt“, wie Richter Rudolf Weigell es beschreibt.

Also bleibt diese von Rechtschreibfehlern strotzende Selbstdarstellung im Internet, ihn einzuschätzen. Ein Deutsch-Iraker, der als Kind nach Essen kam, der damit angibt, dass er sich schon vor dem Schulabschluss selbstständig gemacht hat und sich vieles leisten kann: Partys, Reisen, schicke Autos. Als Selfmademan, coolen Aufsteiger sieht er sich.

Online machte er große Kasse

Online tatsächlich schien vieles möglich. Von 2008 bis 2011 jedenfalls machte Karwan M. dort groß Kasse. Mit einem Netz von Helfern zockte er arbeitsteilig und hochprofessionell ab. Die einen pflegten die unzähligen Shops mit so kruden Namen wie „sparshopchen24.de oder „Elektro-Geizhals“, die anderen ließ er Konten einrichten, über die das Geld floss. Er verschickter 100 000 E-Mails an Postbank-Kunden, narrte sie, indem er ihnen ihre Zugangsdaten entlockte. Über 200.000 Euro mindestens soll er so von ihren Konten transferiert haben.

Irgendwann jedoch kommen ihm Mitarbeiter des Verbraucherschutz-Forums autosec4u auf die Schliche und, alarmiert durch diese, auch die Fahnder des Landeskriminalamtes Bayern. „Anstatt da aufzuhören, zu begreifen, dass er den Bogen überspannt hat“, sagt Richter Weigell, „setzt er nun alle Hebel in Bewegung, diesen Forum-Betreiber ausfindig zu machen“.

Karwan M. schüchtert diesen per Mail ein, droht „ihm das Leben zur Hölle zu machen. Ihn von der libanesischen Mafia krankenhausreif schlagen zu lassen“. Auch einem seiner Helfer, der zu diesem Zeitpunkt in Essen vor Gericht steht, droht er, „er werde tot sein, wenn er ihn, Karwan M., im Prozess belaste“. Laut Urteil soll Karwan M. dafür gesorgt haben, dass dieser Warnung durch Schläge ins Gesicht Nachdruck verliehen wurde.

Früh mit Gesetz in Konflikt geraten

Karwan M. beschreibt sich im Internet wie das einer macht, der unbedingt wer sein möchte. Realität ist aber auch, dass Karwan M. schon früh mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Markenpiraterie. Computerbetrug. Als er 2009 verurteilt wird, verhängt der Richter nur noch mit Mühe eine Bewährungsstrafe. Es ist ein letzter Versuch, dem damals 20-Jährigen eine Chance zu geben. Wenige Wochen später ist er wieder online aktiv.

Der Augsburger Richter Weigell geht davon aus, dass Karwan M. eine „grundsätzlich rechtsfeindliche Einstellung“ hat. Dieser denke, „mir kann keiner was!“. Und der Richter hat noch nicht einmal zu Ende gesprochen, da ruft Karwan M. in den Saal, er möchte etwas zu Protokoll geben. Er werde gegen das Urteil Revision einlegen. Sagt es und steht auf.

Hayke Lanwert



Kommentare
21.08.2012
18:36
Essener Betrüger in Augsburg zu Haftstrafe verurteilt
von stoffel747 | #1

und tschüß :-)

Aus dem Ressort
Hans-Jochen Vogel erzählt von seiner Parkinson-Erkrankung
Krankheit
In einem bewegenden "Stern"-Interview macht Hans-Jochen Vogel seine Parkinson-Erkrankung öffentlich. Der frühere SPD-Chef ist nicht der einzige Prominente mit Schüttellähmung - aber als Politiker, der offen über seine unheilbare Krankheit spricht, eine Ausnahme.
"HIMYM"-Star Jason Segel begeistert mit Albtraum-Buch
Kinderbuch
Ein Schauspieler, der ein Kinderbuch schreibt und dann auch noch über Albträume - kann das gut gehen? Ja, kann es, wie "How I Met Your Mother"-Star Jason Segel beweist. Sein Buch begeistert Jung und Alt.
"HIMYM"-Star Jason Segel begeistert mit Albtraum-Buch
Kinderbuch
Ein Schauspieler, der ein Kinderbuch schreibt und dann auch noch über Albträume - kann das gut gehen? Ja, kann es, wie "How I Met Your Mother"-Star Jason Segel beweist. Sein Buch begeistert Jung und Alt.
Video zeigt, wie schnell US-Polizei auf Zwölfjährigen schoss
Videoveröffentlichung
Im Fall des erschossenen Tamir Rice hat die Polizei in Cleveland ein Video veröffentlicht. Es zeigt, wie der Polizist Timothy Loehmann binnen weniger Sekunden nach Eintreffen das Feuer eröffnete. Tamir Rice hatte lediglich mit einer Spielzeugpistole gespielt. Der Fall löste in den USA Proteste aus.
So warm war es noch nie - 2014 auf dem Weg zum Wärmerekord
Klimawandel
Nur ein sibirischer Winter kann das Jahr 2014 noch davon abhalten, einen neuen Wärmerekord aufzustellen. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 gab es kein wärmeres Jahr. Im November liegt die Temperatur um 2,5 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Jetzt sinken die Temperaturen aber.
Umfrage
Das Bundesverwaltungsgericht hat der Sonntagsarbeit engere Grenzen gesetzt. Wie finden Sie das?
 
Fotos und Videos