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Katastrophe

Erdbeben in Haiti löst eine Spenden-Welle aus

19.01.2010 | 13:00 Uhr
Erdbeben in Haiti löst eine Spenden-Welle aus

Essen.Die Erdbebenkatastrophe in Haiti weckt bei vielen Menschen das Mitgefühl. Eine Woche nach dem schweren Beben melden die deutschen Hilfsorganisationen eine enorme Spendenbereitschaft. Nur der Tsunami in Südost-Asien Ende 2004 löste bis dato mehr Unterstützung aus.

Das schwere Erdbeben in Haiti hat nach Einschätzung von Hilfsorganisationen in Deutschland eine Spendenwelle in Gang gebracht, wie seit dem Tsunami Ende 2004 nicht mehr. Die Kindernothilfe in Duisburg meldet auf Anfrage von DerWesten, vier Tage nach dem ersten Spendenaufruf seien bereits über eine Viertelmillion Euro eingegangen – eine Woche nach dem Tsunami am 26. Dezember 2004 waren es 700.000 Euro. Mit insgesamt 670 Millionen Euro Spenden in Deutschland hatte die Unterstützung für die Tsunami-Regionen im Jahr 2005 alle Rekorde gebrochen.

„Es zeichnet sich eine sehr große Spendenbereitschaft ab“, sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das Hilfsorganisationen mit einem Qualitätssiegel zertifiziert. Insgesamt tragen derzeit 253 Einrichtungen das DZI-Siegel, darunter rufen bisher 40zur Hilfe für Haiti auf. Die Zahl der Organisationen, die in Deutschland regelmäßig Spenden sammeln, beziffert Wilke auf 2000 bis 3000.

Spenden auch per SMS

Hilfsgüter für Haiti: Am Montag ging startete ein Jet vom Flughafen Düsseldorf. Organisiert von den Hilfsorganisationen „Ein Herz fuer Kinder“, humedica, Kindernothilfe und World Vision.

„Die Situation auf Haiti ist schlimmer als nach dem Tsunami 2004 in den betroffenen Ländern“, sagt Gottfried Baumann, Sprecher vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor in Aachen. Anders als in Thailand oder Indien gebe es in Haiti seit dem Beben keine funktionierenden Behörden-Strukturen, auch der Geldverkehr laufe nicht: „Es ist schwierig, die Hilfe vor Ort ankommen zu lassen“. Diesen Dienstag wird Baumann auf die Karibik-Insel fliegen, „um dort die Nothilfe zu installieren“ und Kontakte zu anderen Hilfsorganisationen zu knüpfen. Spenden würden zuerst in einen Fonds fließen, für den Misereor soeben 300.000 Euro vorgestreckt habe; mit dem Geld sei ein Lkw-Konvoi aus der Dominikanischen Republik auf den Weg geschickt worden, der dringend benötigte Medikamente in den Nachbarstaat bringt.

Unter dem Titel „Rettungsanker Haiti“ versucht die „Aktion Deutschland Hilft“erstmals gezielt, Jüngere zum Spenden zu gewinnen – per SMS. Unter einer Kurznachricht an die Nummer 81190 mit dem Kennwort „HAITI“ lassen sich auf Tastendruck fünf Euro überweisen – abgebucht von der Telefonrechnung. „Das ist unser erster großer Belastungstest“, erklärt Florian Nöll, Mitgründer des Berliner Web-Dienstleisters spendino.de, der im Juni 2009 an den Start gegangen ist.

Vorbild sind die USA, wo jüngst First-Lady Michelle Obama in den Medien zu SMS-Spenden aufgerufen hatte und wo bereits zwei Tage nach dem Beben eine Million Dollar per Mobiltelefon überwiesen wurden. Bei spendido.dezählte man zum Wochenbeginn 10.000 SMS-Spender. Nöll: „Das aber alleine durch die Verbreitung über Facebook, studiVZ und Twitter.“ Nachtteil: Das Geld geht den Organisationen erst nach vier Wochen zu – im Turnus der Telefonrechnung: „Wir sind im Gespräch, das zu beschleunigen“, sagt Nöll.

„Aktion-Deutschland Hilft“-Sprecherin Maria Rüther erwartet von SMS „nicht die riesigen Spendensummen“. Grund: „Viele Menschen wollen mehr als fünf Euro spenden“ – bzw. 4,83 Euro abzüglich der SMS-Gebühr. Laut DZI geben die Bundesbürger durchschnittlich pro Kopf 80 bis 120 Euro im Jahr für soziale Zwecke; Durchschnittsalter der Spender ist 55 Jahre. Insgesamt fließen pro Jahr etwa drei bis fünf Milliarden Euro karitativen Organisationen zu. 2009 gab es laut DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke „trotz Wirtschaftskrise insgesamt keinen Einbruch“.

„Der Wiederaufbau wird Jahre brauchen“

Obdachlose Haitianer warten in einem Flüchtlingslager auf die Ausgabe von Lebensmitteln

„Die Leute sind extrem besorgt und rufen bei uns an“, beschreibt unterdessen Tanja Wiese, Sprecherin derKindernothilfein Duisburg, die Erfahrungen der ersten Tage seit den Beben auf Haiti. Sechs Projekte nach Patenschafts-Prinzip u.a. für Straßenkinder finanziert die Kindernothilfe in Haiti. Die meisten der etwa 5000 Kinder konnten sich retten, aber „die Projekt-Häuser sind alle zerstört“, sagt Wiese. Ein Mitarbeiter aus Duisburg ist seit Freitag-Abend vor Ort. Am Montag ist von Düsseldorf aus ein erster Hilfsflug gestartet. An Bord des Jets: Medikamente, Hygiene-Artikel und Wasserfilter. „Unser Fokus liegt aber auf einer nachhaltigen Hilfe, etwa mit psychologischer Hilfe, damit die Kinder das Trauma des Erlebten verarbeiten“, erklärt Wiese; Schon nach dem Tsunami in Südost-Asien war das Schwerpunkt der Kindernothilfe.

„Der Wiederaufbau auf Haiti wird Jahre brauchen“, gibt Patrik Schultheis, Sprecher der Johanniter-Unfallhilfe, die Einschätzungen der Koordinierungskräfte nach den ersten Tagen in der Region von Haiti-Hauptstadt Port-au-Prince wider. Am Mittwoch werden 11 Ärzte und Rettungssanitäter aus Deutschland in die Karibik gebracht. Parallel dazu würden in den nächsten Tagen alle 1,5 Millionen Johanniter-Fördermitglieder um Unterstützung angeschrieben. Schultheis: „Wir werden langfristig Hilfe leisten müssen.“

Bei der Caritas im Bistum Essen kommt die Hilfe unterdessen „in Gang“, wie Geschäftsführer Rudi Löffelsend erklärt. „Nach dem Tsunami 2004 gab es eine Flaute bei den Spenden. Auch das schwere Erdbeben auf Sumatara im vergangenen September – das noch stärker war als das auf Haiti – zählt Löffelsend zu den „vergessenen Katastrophen - weil die Fernsehbilder fehlten“. Die „Wucht der Bilder“ sei es letztlich, die den Menschen „das Herz und die Geldbörse öffnet“. Mitte der Woche will das Bistum mit einer Plakataktion um Spenden in den Gemeinden werben. Zudem warte man darauf, ob die Deutsche Bischofs-Konferenz eine Sonderkollekte veranlasse. Löffelsend: Beim Tsunami 2004 „kam der Aufruf direkt“.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat eine Liste mit empfehlenswerten Spendenkontenveröffentlicht.

Dagobert Ernst

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