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"Eine Kultur der Achtsamkeit"

29.12.2012 | 06:42 Uhr
Foto: /dapd/Swen Pfoertner

Hildegard Lukaschik beobachtet seit einiger Zeit Veränderungen bei einer Sängerin ihrer Chorgruppe: Mit den Notenblättern komme die Frau nicht mehr richtig zurecht und bringe dann Unruhe in das ganze Ensemble. "Sie kramt, sucht, findet nichts. Dann grummelt sie andere an", berichtet die 56-Jährige vom Verhalten der demenzkranken Frau.

Gießen (dapd-hes). Hildegard Lukaschik beobachtet seit einiger Zeit Veränderungen bei einer Sängerin ihrer Chorgruppe: Mit den Notenblättern komme die Frau nicht mehr richtig zurecht und bringe dann Unruhe in das ganze Ensemble. "Sie kramt, sucht, findet nichts. Dann grummelt sie andere an", berichtet die 56-Jährige vom Verhalten der demenzkranken Frau. Einige Sänger lästerten, wenn diese nicht da sei und kaum einer wolle während der Proben neben ihr stehen. "Nach unserem letzten Konzert kam sie dann nicht mehr", sagt Lukaschik. Das wolle sie gerne wieder ändern.

Viele Demenzkranke zögen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück - zum Teil, weil es in Vereinen an den richtigen Strukturen und an Toleranz mangele, sagt die Vorsitzende der Initiative "Demenzfreundliche Kommune Gießen", Dagmar Hinterlang. Mit dem Projekt "Demenzpaten" soll Betroffenen wieder eine soziale Teilhabe ermöglicht werden.

Individuelle Krankheit verlangt nach individueller Reaktion

Ziel des von der Robert-Bosch-Stiftung mit 15.000 Euro geförderten Programms sei, eine "Kultur der Achtsamkeit" zu schaffen. Es gehe nicht darum, für Erkrankte Betreuung anzubieten, sondern die Öffentlichkeit für das Thema stärker zu sensibilisieren, betonte Hinterlang. Die Paten fungierten dabei als "Botschafter", die andere über die Krankheit aufklärten.

Ein stringentes Muster, wie die Gesellschaft für den Umgang mit Demenzerkrankten vorbereitet werden kann, gebe nicht, sagt Andrea Ebenig. Sie ist Demenzpatin beim TSV Klein-Linden in einem Vorort von Gießen. "Und man kann nicht einfach losziehen und den ganzen Club umkrempeln." Demenz trete mit individuellen Symptomen auf, daher müsse auch individuell darauf reagiert werden. Da ihre Mutter selbst an der Krankheit gelitten habe, sei ihr durch das Projekt bewusst geworden, wie falsch sie selbst in vielen Situationen reagiert habe. Wichtig sei es, andere einzubeziehen und mit der Krankheit vertraut zu machen.

"Wie spricht man das Thema in der Gruppe an?"

Der alten Dame im Chor habe sie sich bereits mehrfach angenommen, erzählt Hildegard Lukaschik. Andere Mitglieder seien wohl froh, dass diese nicht mehr komme, weil sie häufig ganze Übungsabende durcheinandergebracht habe. "Nur wie spricht man das Thema in der Gruppe an?" fragt die 56-Jährige. Bislang habe sie sich nicht getraut, etwas zu den anderen Sängern zu sagen, weil sie die Frau nicht habe stigmatisieren wollen. "Und gegenüber der Betroffenen, wäre das auch nicht ratsam gewesen. Die hätte wahrscheinlich ziemlich böse reagiert".

"Die wenigsten gehen offen mit ihrer Krankheit um und leugnen sie", erläutert die Gießener Gerontologin Elisabeth Bender. Oft zeigten die Erkrankten über einen Zeitraum von zehn Jahren erste Anzeichen von Demenz, kaschierten diese aber teils so geschickt, dass nicht einmal engste Angehörige etwas davon mitbekämen. "Und wenn doch, streiten auch diese meist die Demenz des Familienmitglieds ab - vor sich selbst und vor anderen", sagt Bender. Scham sei häufig der Grund dafür. Demenz sei ein "Tabu-Thema".

"Störsituationen sind normal"

Die stetig alternde Gesellschaft werde sich intensiv mit der Integration von Demenzkranken auseinandersetzen müssen, sagt Bender. Die Krankheit erfordere ein hohes Maß an Toleranz. Die Betroffenen seien oft überfordert, reagierten grundlos gereizt bis aggressiv und suchten permanent Aufmerksamkeit. "Störsituationen sind normal", betont die Ärztin. Schon mit kleinen Hilfestellungen könne einem Demenzpatienten die gesellschaftliche Integration ermöglicht werden.

Das hat auch Hildegard Lukaschik in ihrem Chor gemerkt: Bei der erkrankten Sängerin habe es oft gereicht, ihr einfach die Notenblätter zu richten, damit diese ruhig bleibe. Bei der Gruppe will Lukaschik nach eigenem Bekunden jetzt dafür werben, die demente Frau wieder aktiv einzubinden. Wie sie den Gesangverein auf den Umgang mit der Betroffenen vorbereiten kann, habe sie beim Demenzpaten-Programm gelernt.

dapd

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