Eine ganz normale Zweiflerin

Berlin..  Sie steht am Sarg ihres Bruders. Wenigstens seine Hand möchte sie noch einmal sehen. Damit sie ganz sicher sein kann, dass er es wirklich ist. Ein letzter Blick auf seinen Daumennagel, der ihr so vertraut ist. Unverkennbar Martin, weiß sie sofort. Als ob sie es noch nicht gewusst hätte: Martin ist tot. Mit seinem Porsche verunglückt. Der Bestatter rät, den Sarg nicht noch einmal zu öffnen, den Bruder lieber lebendig in Erinnerung zu behalten. Der Blick auf die Hand ist Bärbel Schäfers Kompromiss.

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin teilt diesen intimen Moment mit ihren Lesern. „Ist da oben jemand?“ heißt ihr gerade erschienenes Buch. Es ist ein Trauerbuch über das Unfassbare, das der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet. Und gleichzeitig eine Liebeserklärung. An ihren Bruder, mit dem sie das „Geschwisterland“ teilte, den Teil ihrer Welt, der nur ihnen beiden vorbehalten war. Jetzt ist es unbewohnt.

Schon einmal musste die Autorin einen Verlust verkraften. Ihr damaliger Lebensgefährte Kay Degenhard war 1998 ums Leben gekommen, ebenfalls bei einem Autounfall. Im Oktober 2013 wiederholte sich das Schicksal: Mitten in der Nacht klingeln drei Polizisten bei ihr, einer in zivil – der Seelsorger. Sie ahnt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, doch es dauert quälende Minuten, bis sie es erfährt, und noch viel länger, bis sie es begreift.

Es ist leicht, Bärbel Schäfer als Moderatorin einer krawalligen Talkshow mit Themen wie „Schatz, wasch dich endlich“ in Erinnerung zu haben, obwohl sie inzwischen längst viele Schritte weiter ist. Sie war mit ihrer täglichen Sendung sehr präsent, Mitte der 90er-Jahre, als die Deutschen noch staunten darüber, was im Fernsehen alles möglich ist. Wer genau hinsah, konnte aber zwischen keifenden Gästen und grölendem Publikum eine Moderatorin sehen, die das Chaos mit Ruhe und Fairness steuerte. „Keine persönlichen Beleidigungen!“, ermahnte sie stoisch. Und sie hörte sich alle Geschichten offen an, nie von oben herab. Typsache, offenbar.

Leidenschaftlich interessiert an Menschen, an ihren Geschichten und Haltungen – am Leben selbst, das ist Bärbel Schäfer. In der Trauer um ihren Bruder wächst dieses Interesse noch über das Leben hinaus. Wie trösten sich andere, die an ihre Grenzen kommen? Welche Hilfe ziehen sie aus ihrem Glauben? Und was bleibt für die, die nicht gläubig sind?

„Jetzt, konfrontiert mit dem Tod, greife ich nach jedem Strohhalm, selbst nach Gott“, schreibt sie. Was für religiöse Menschen despektierlich klingen könnte, ist für andere höchst verständlich: angesichts des unbegreiflichen Verlustes doch bei Gott nach Antworten zu suchen. Warum hat er das zugelassen? Bärbel Schäfer hadert mit Fragen, die fast jeder von sich kennt. Und weil auch die Autorin selbst das weiß, liest sich ihre Geschichte, so persönlich sie auch ist, nicht wie ein Tagebuch. Wie ein Trostbuch eher.

Trostsuche in Synagoge und Kirche

Es sieht am Ende nicht so aus, als ob sie Gott finden würde. Obwohl Religion in ihrer Biografie eine wichtige Rolle spielt; für ihren Mann, TV-Moderator Michel Friedman, ist Bärbel Schäfer zum Judentum konvertiert. Dennoch: „Das letzte Warum bleibt im Glauben ohne Antwort. Wie soll ich als denkende, vernunftsorientierte Frau dies hinnehmen?“, schreibt sie. Die Autorin als ganz normale Zweiflerin. Und als die Menschenfreundin, die sie schon immer war. Sie hat jüdische, muslimische und christliche Freunde. Geht mit ihnen in Synagogen, Moscheen, Kirchen. Sucht Erfahrungen, hört zu, bewertet nicht. Offen und interessiert. Nie von oben herab. Und den Verlust ihres Bruders dabei immer im Gepäck.

Er bleibt nicht der einzige, den Bärbel Schäfer zu beweinen hat: Ihr Vater stirbt wenig später. Existenzielle Erfahrungen. „Trauer ist nicht programmierbar, sie kommt ungefragt um die Ecke und rammt dir ihre Faust ins Gesicht“, schreibt sie. Das ist ihr Tonfall – geradeaus und ohne große Schnörkel. So erzählt sie von ihrem Unglück. Weil das menschlich ist. Und mit Menschen, da kennt sie sich aus.