Dominique Strauss-Kahn ist frei – aber sein Ruf ruiniert

Mit steinerne Miene verlässt Dominique Strauss-Kahn das Gerichtsgebäude in Lille.
Mit steinerne Miene verlässt Dominique Strauss-Kahn das Gerichtsgebäude in Lille.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Nach den Vorwürfen angeblicher Sex-Orgien kann der ehemalige IWF-Chef juristisch nicht belangt werden. Nach dem Gerichtsprozess ist DSK trotzdem am Ende.

Lille.. Mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen hat Dominique Strauss-Kahn gestern Vormittag den Justizplast der nordfranzösischen Stadt Lille betreten, um das Gebäude drei Stunden später mit verschlossener Mine und kommentarlos wieder zu verlassen. Obwohl die Richter den der „organisierten Zuhälterei“ angeklagten Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) soeben ohne Wenn und Aber freigesprochen hatten, war ihm keine Spur von Erleichterung anzumerken.

Juristisch nicht zu belangen

Nicht weniger als zehn Jahre Haft sowie eine Geldstrafe von 1,5 Millionen Euro drohten dem 65-jährigen Sozialisten, weil er eigens für ihn organisierte Sexpartys mit Prostituierten besucht hatte. Erschien bereits überführt. Doch schon während des Prozesses entpuppten sich fast alle gegen ihn in einer 300-seitigen Anklageschrift zusammengetragenen Verdachtsmomente als haltlos. Selbst der Staatsanwalt hatte in seinem Schlussplädoyer einen Freispruch gefordert, weil „wir hier nicht nach den Buchstaben der Moral, sondern denen des Strafgesetzbuches zu richten haben“.

In dem für den prominenten Angeklagten hochnotpeinlichen Gerichtsverfahren ging es um zwölf Orgien, die gute Bekannte zwischen 2008 und 2011 für den IWF-Chef ausgerichtet hatten. Sie versprachen sich von diesen Freundschaftsdiensten wohl besonders gute Beziehungen zu dem zukünftigen Präsidenten Frankreichs. Schließlich schien der populäre Star-Ökonom, den alle Welt nur „DSK“ nannte, damals der sichere Sieger der 2012 anstehenden Präsidentschaftswahlen zu sein.

In Widersprüche verwickelt

Der notorische Frauenheld DSK jedenfalls nahm die Einladungen zu den Sexpartys gerne an. Aber wusste er, dass seine Bekannten Escort-Girls für die heißen Abende anheuerten und nahm er an deren Organisation teil? Wenn ja, hätte er in Frankreich, wo Zuhälterei sehr viel weiter ausgelegt wird als etwa in Deutschland, tatsächlich diesen Strafbestand erfüllt.

Der Prozess in Lille aber deckte eher das Gegenteil auf. Die 13 mitangeklagten Bekannten von DSK – unter ihnen zwei angesehene Unternehmer, ein Polizeikommissar und ein Bordellbesitzer – gaben sich offenbar größte Mühe, ihm die Gegenwart der Prostituierten zu verheimlichen. Selbst zwei dieser Escort-Girls, die in der Doppelrolle als Nebenklägerinnen und Belastungszeuginnen auftraten, gaben am Ende zu, sich gegenüber DSK stets als Tänzerinnen oder Sekretärinnen ausgegeben zu haben. Die Anwälte der Prostituierten zogen daraufhin ihre Zivilklagen zurück.

Fast zwangsläufig kochen da Erinnerungen an den 2011 in New York gegen DSK angestrengten Vergewaltigungsprozess hoch. Das angebliche Opfer, ein Zimmermädchen des New Yorker Sofitel-Hotels, hatte sich dermaßen in Widersprüche und Lügen verstrickt, dass die US-Justiz das Verfahren einstellte. Trotzdem musste DSK, der vorübergehend sogar eingekerkert wurde, als IWF-Chef zurücktreten und seine Ambitionen auf eine Präsidentschaftskandidatur begraben.

Am öffentlichen Pranger

Sollte DSK nach diesem unrühmlichen Ende seiner politischen Karriere noch ein Hauch von Ehre und Würde geblieben sein, so verlor er sie spätestens im Verlauf dieses zweiten Prozesses. Drei Wochen lang saß er im Februar in Lille nicht nur auf der Anklagebank, sondern stand auch am Pranger der Öffentlichkeit. Genüsslich traten die Medien alle Details der Verhandlung breit – bis hin zu der Vorliebe des Sexsüchtigen für brutalen Analsex.

Er habe „wohl ein gröberes Sexualverhalten als der Durchschnitt der Männer“, musste der Gedemütigte vor Gericht einräumen. Da zeichnete sich für den „Mann, dem eine Frau nicht Nein sagen darf“ (so eine Schlagzeile der Boulevardpresse), schon längst der Freispruch ab. DSK, das ist nun amtlich, ist weder ein Vergewaltiger noch ein Zuhälter. Der Stab wurde dennoch über ihn gebrochen: Nicht nur seinen Landsleuten wird Strauss-Kahn als gefallener Wüstling im Gedächtnis bleiben.