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Filmkritik

Disneys Animationsfilm „Ralph reichts“ führt in die Welt der Videospiele

05.12.2012 | 17:09 Uhr
Disneys Animationsfilm „Ralph reichts“ führt in die Welt der Videospiele
Ralph bricht aus seinem Leben als Bösewicht aus.Foto: Disney

Essen.   Dass sich ein Animationsfilm aus dem Hause Disney mal mit der Psyche einer Spielfigur beschäftigen würde, das hätte man so nicht erwartet. Aber bei „Ralph reichts“ spürt man nicht zum ersten Mal den Einfluss von John Lasseter, dem früheren Chef des legendären Pixar Studios.

Ralph mag nicht mehr in vorgegebenen Bahnen leben, er will sich endlich befreien von der Rolle des ewigen Bösewichts. Als muskelbepackter Freak hat er in dem Videospiel „Fix-It Felix jr.“ nur eine einzige Funktion: Mit seinen Fäusten und Füßen schlägt er Löcher in die Außenwand eines mehrstöckigen Mietshauses. Dann taucht regelmäßig Felix auf, ein Handwerker mit unbegrenzten Möglichkeiten, und versetzt alles wieder fein säuberlich in den Status quo. Felix wird gefeiert von den Hausbewohnern, erhält einen Orden, während Ralph Tag für Tag in die Mülldeponie verbannt wird. Auf Dauer will eine solche Erniedrigung wirklich keiner erdulden.

Dass sich ein Animationsfilm aus dem Hause Disney mal mit der Psyche einer Spielfigur beschäftigen würde, das hätte man so ohne weiteres nicht erwartet. Aber bei „Ralph reichts“ spürt man nicht zum ersten Mal den Einfluss von John Lasseter. Der war früher Chef des legendären Pixar Studios („Wall-E“, „Oben“) und ist nach dem Ankauf durch Disney nun dort zum Leiter der kompletten Animationsabteilung berufen worden.

Darum kann ein Film aus Walt Disneys Königreich jetzt auch mit dem kuriosen Treffen von professionellen Videospiel-Bösewichten beginnen, die sich gegenseitig ihr Leid klagen über die Vorhersehbarkeit des Daseins. Da ist „Neff“, der schurkische Zauberer aus „Altered Beasts“, der bärenstarke „Zangief“ aus „Street Fighter“, aber auch „Q*Bert“, dessen Spiel eigentlich gar nicht mehr existiert. Man hat bei ihm „den Stecker gezogen“, wie es in diesen Kreisen heißt.

Muskelprotz jagd von einem Spiel ins nächste

Alle stöhnen, aber keiner will den Ausbruch wagen, nur Ralph mit seiner starken Sinnkrise. Quer durch die Game Central Station, dem Verkehrsknotenpunkt aller Arcade-Videospielfiguren, jagt unser Muskelprotz von einem Spiel ins Nächste. Sehr gut gefällt es ihm in „Hero’s Duty“, wo ein äußerst attraktiver weiblicher Sergeant Truppen anführt, die mit dem Abschießen von feindlichen Riesenkäfern („Cybugs“) ungemein beschäftigt sind. Man kann sich nur wundern über all die Einfälle und gelungenen Gags von Seiten der Drehbuchautoren. Dass sie dann auch wirklich funktionieren, dafür sorgt Regisseur Rich Moore, dessen Humorstruktur bei vielen Episoden der „Simpsons“ und von „Futurama“ entwickelt wurde.

Aus der düsteren Welt des Ego Shooter Games wechselt Ralph abrupt in das genaue Gegenteil: „Sugar Rush Speedway“ ist in einer ebenso quietschbunten wie knatschsüßen Umgebung angesiedelt und ist im Grunde ein für Mädchen entworfenes Rennspiel, in dem lauter kleine Prinzessinen an den Start gehen. Hier endlich kann Ralph wirklich Gutes tun, denn die vorlaute Venellope von Schweetz braucht dringend seine Hilfe. Die arme Spielfigur nämlich hat leider einen Programmierungsfehler, der ihre Pixel ab und an in Turbulenzen geraten lässt. Mit diesem Schaden behaftet, verwehrt ihr der Rennstrecken-Regent „King Candy“ seit langem schon jede Beteiligung an den Rennen.

Es sind ganz wunderbare Welten, in die uns dieser 3D-Film entführt. Wir sehen Videospiele endlich mal nicht nur aus der Perspektive des Spielers, sondern auch von Seiten der Akteure, die im Rahmen ihrer Programmierung auch vor Stress-Symptomen nicht gefeit sind. Jeder muss immer sein Bestes geben, sonst wird bei ihm der Stecker gezogen. Und dann kann er sich einreihen in die Schar der abgeschalteten Figuren, die in der Game Central Station herumlungern und offenbar nicht einmal die Aussicht auf einen würdigen Tod besitzen. Bei allem Lachen: Dies ist auch eine tragische Komponente.

Arnold Hohmann


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