Die Prügel der Väter – eine Doku über den Tatort Elternhaus

Tilman Röhrig drohte seinem prügelnden Vater, einem Pfarrer, mit Selbstmord in der Kirche, wenn er nicht aufhöre.
Tilman Röhrig drohte seinem prügelnden Vater, einem Pfarrer, mit Selbstmord in der Kirche, wenn er nicht aufhöre.
Foto: ard
Die berührende ARD-Doku "Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie..." blickt in die 50er und 60er Jahre, als es nicht unüblich war, dass Eltern ihre Kinder prügeln. Kronzeuge ist der Essener Schriftsteller Tilman Röhrig, der den Zuschauer mitnimmt zum Tatort Elternhaus.

Essen.. Wenn Tilman Röhrig heute zum Elternhaus in Essen-Werden zurückkehrt, ist das keine Reise in seine Kindheit, sondern eine Tatort-Besichtigung. Ein Fernsehteam des WDR hat den 69-Jährigen dorthin begleitet, wo er als Kind geschlagen, gepeinigt und gedemütigt wurde, von seinem Vater, dem Pfarrer.

Als Vorhölle hat nicht allein Röhrig das evangelische Pfarrhaus erlebt, als solche ist es längst ein literarisches wie filmisches Thema, wohl nirgends so beklemmend dargestellt wie in „Das weiße Band“ von Michael Haneke. Einem Spielfilm, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt, in einer fernen Epoche.

Die 45-minütige Dokumentation „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie . . .“ (ARD, 23.30 Uhr) befasst sich mit der Generation, die in den 1950er- und 60er-Jahren mit körperlicher Züchtigung groß geworden ist, zu Hause wie in der Schule. So allgegenwärtig die Prügel waren, so wenig wurden sie thematisiert. Allenfalls flapsig sei auf dem Schulhof darüber gesprochen worden, erinnert sich Röhrig. „Jeder von uns wollte nach außen ein schönes Elternhaus.“

Züchtigung als typische Zeiterscheinung

Dass es bei ihnen da eine Leerstelle gibt, empfinden viele Betroffene bis heute als Makel; und so sprach Autorin Erika Fehse im Vorfeld des Filmes mit über 30 Zeitzeugen: „Aber die meisten wollten nicht vor die Kamera, sie empfanden das als zu demütigend.“

Auch Röhrig zögerte, dabei hat er sein Schicksal schon 1973 im Buch „Thoms Bericht“ öffentlich gemacht. Für den Film erweist sich der Schriftsteller nun als Glücksfall. Er berichtet so präzise wie berührend; etwa wie ihm sein Vater die Reitpeitsche erst längs, dann quer über Rücken und Gesäß zog, „wo sich die Striemen kreuzten, platzte die Haut auf“. An der Richtigkeit seines Tuns hatte der fünffache Vater keinen Zweifel, für die Schule schrieb er Tilman eine Entschuldigung: Aufgrund einer Züchtigung könne dieser nicht sitzen. Der Lehrer ließ ihn stehen.

Joachim Król kommentiert

Es geht hier eben nicht um einen grausamen Pfarrer, sondern um eine typische Zeiterscheinung. Im Film berichten auch andere Betroffene von ihrer Pein; und alle verweigern die Beschönigung vom Klaps, der niemandem geschadet habe: Es gab ja nicht einen Klaps, es gab den Gürtel, den Teppichklopfer – und die stete Angst vor der nächsten Strafe.

Der sehenswerte Film fragt nach den Wunden der Opfer, nicht nach den Motiven der Täter. Er liefert keine Analyse, wohl aber einen historischen Abriss zu Erziehungsidealen und Rechtslage (gesprochen von Joachim Król). Das Recht auf gewaltfreie Erziehung haben Kinder hierzulande erst seit dem Jahr 2000 – es gibt noch immer viel zu viele, denen dieses Recht verweigert wird.

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