Die Nadel im Heuhaufen

Braunschweig..  Im Bergmassiv der Trois Evêchés in den französischen Alpen wird seit einer Woche die buchstäbliche Nadel im Heuhaufen gesucht: ein Chip mit mehreren Hundert Daten, die Aufschluss über die verhängnisvollen letzten Minuten von Unglücks-Flug 4U 9525 geben sollen. Der Germanwings-Airbus mit 150 Menschen an Bord prallte vergangenen Dienstag mit fast 800 Stundenkilometern gegen eine Felswand und zerschellte in Tausende Einzelteile. Aber warum ist es so schwierig, den Flugdatenschreiber zu finden, wenn das andere Element der sogenannten Blackbox – der Cockpit-Stimmenrekorder – bereits gefunden und auch schon ausgewertet wurde?

„Der eigentliche Rekorder befindet sich innerhalb eines gepanzerten Zylinders“, sagt Jens Friedemann von der ermittelnden Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig. Das Problem: Dieser Zylinder hat gerade mal die Größe einer Konservendose. „Keine leichte Aufgabe, sowas zu finden“, meint Friedemann. Denn anders als vielfach geschildert sendet der Rekorder in den Alpen gar keine Funksignale.

Experimente mitauswerfbaren Datenrekordern

„Die Geräte senden nur bei Kontakt mit Wasser“, erläutert Friedemann, der selbst Pilot ist und bereits zwei Dutzend größere Flugunfälle untersucht hat. Sie seien nur für die Suche unter Wasser konzipiert. Seine Stelle ist derzeit mit sieben Personen an den Untersuchungen des Absturzes beteiligt – fünf davon sind am Unglücksort in Frankreich und werden sich gemeinsam mit den Kollegen der französischen BEA-Untersuchungsbehörde an die Auswertung machen, sobald der Flugdatenschreiber gefunden ist.

Kaum eine Woche nach der Katastrophe konzentrieren sich die Ermittler auf den 27-jährigen Co-Piloten, der nach derzeitigen Erkenntnissen die Maschine mit voller Absicht auf Sinkflug gebracht haben soll. Gewissheit soll der Abgleich der aufgezeichneten Geräusche auf dem Cockpit-Stimmenrekorder (CVR) mit dem Flugdatenschreiber bringen. Bisher blieb die Suche vergeblich. Zwar hatte Frankreichs Präsident François Hollande den Fund der „Hülle“ bekanntgegeben – doch damit kann nach Ansicht der Ermittler auch nur das Chassis gemeint sein.

Dessen Inhalt – also der Zylinder mit den wertvollen Daten – ist so konzipiert, dass er enormen Druck-Belastungen standhält. Friedemann: „Diese Belastung entspricht dem Aufprall auf eine Betonwand mit 750 Stundenkilometern.“ Auch Hitze muss er mindestens eine Stunde lang aushalten – die Obergrenze liegt bei 1100 Grad Celsius, der Brenntemperatur des Flugzeugtreibstoffs Kerosin. Auch größter Druck kann dem Zylinder kaum etwas anhaben; nach dem Absturz des Air-France-Fluges AF447 über dem Nordatlantik waren die Daten auch nach zwei Jahren auf dem Boden der Tiefsee noch auslesbar.

Bleibt die Frage, ob man die wichtige Suche nach den Datenrekordern nicht technisch vereinfachen könnte. Die Militärluftfahrt experimentiert bereits mit auswerfbaren Datenrekordern – also Geräten, die vor einem Aufprall des Flugzeugs automatisch herausgeschleudert werden. Auch der Hersteller der Unglücksmaschine, der europäische Flugzeughersteller Airbus, wird sie nun einführen. „Die Entscheidung wurde nach den Flugzeugunglücken in Südostasien getroffen“, sagte ein Airbus-Sprecher in Toulouse der Deutschen Presse-Agentur. Die auswerfbaren Flugschreiber sollen in den beiden größten Airbus-Modellen A350 und A380 eingesetzt werden. Details sind zwar noch nicht bekannt, doch sollen die Geräte voraussichtlich in die Außenhaut des Rumpfes integriert werden.