„Die letzte Flucht“ eines Raubeins mit Köpfchen

Auf der Flucht: Georg Dengler (Ronald Zehrfeld, li.) und Dr. Bernhard Voss (Ernst Stötzner).  Der Privatdetektiv soll dem Klinikarzt helfen, ein Komplott aufzudecken.
Auf der Flucht: Georg Dengler (Ronald Zehrfeld, li.) und Dr. Bernhard Voss (Ernst Stötzner). Der Privatdetektiv soll dem Klinikarzt helfen, ein Komplott aufzudecken.
Foto: ZDF
Was wir bereits wissen
Ronald Zehrfeld überzeugt als Detektiv Dengler im ZDF-Thriller. Es geht um das Gesundheitssystem und die Machenschaften der Pharmaindustrie. Und Zehrfeld gibt sich als „Schimanski 2.0“.

Mainz.. „ZDF“ und „Politthriller“, das waren Begriffe, die in den letzten Jahren ungefähr so gut zusammenpassten wie „HSV“ und „Meisterschaft“. Doch jetzt kommt Dengler. Und der geht auf „Die letzte Flucht“.

Dengler also, Vorname Georg. Trinkfest, Bluesfan, getrennt lebend. Kann austeilen und einstecken, flucht viel, rasiert sich nur unregelmäßig, sieht oft aus, als habe er in seinen Klamotten geschlafen. Raue Schale, ehrliche Haut. Beim BKA rausgeflogen, jetzt als Privatermittler in Stuttgart tätig. Ein wenig wie Schimanski 2.0.

An wahre Ereignisse angelehnt

In den Romanen von Wolfgang Schorlau ermittelt er seit Jahren und inzwischen zum siebten Mal. Die Bücher beruhen nicht auf wahren Ereignissen aber sie lehnen sich daran an. Mit dem sechsten Band der Serie feiert die Figur ihr Debüt im Fernsehen. Laut Schorlau Wunsch des Produzenten und des ZDF. „Die meinten, das sei ein Thema, das jeden Zuschauer betrifft.“ Es geht um das Gesundheitssystem und die Machenschaften der Pharmaindustrie.

Nele Neuhaus Davon ist zu Beginn allerdings nichts zu spüren. Denn vordergründig ermittelt Dengler – eher widerwillig – im Auftrag des angesehenen Klinikarztes Bernhard Voss (Ernst Stötzner), der eine Krankenschwester vergewaltigt haben soll. Die Beweise scheinen erdrückend, doch der Herr Doktor spricht von Komplott und Verschwörung und davon, dass man ihn hereingelegt habe. Obwohl gesundheitlich schwer angeschlagen, nutzt er die erstbeste Gelegenheit zur Flucht. Dengler findet ihn schnell, kann dann aber nicht ausschließen, dass doch was dran ist an den Geschichten des Arztes. Plötzlich laufen sie beide vor der Polizei weg – und nicht nur vor der.

Das ist klassischer Krimi, klar. Aber je länger der geschickt mit Zeitebenen spielende Film dauert, desto mehr schimmert auch eine politische Ebene durch. Denn da ist auch noch der offenbar von Aktivisten entführte Manager (Stefan Kurt) eines großen Pharmakonzerns, der unter sanftem Druck von den Praktiken seiner Branche erzählt. Sehr nah an der Wirklichkeit ist das, wie die Macher versichern, und vielleicht bewegt es den Zuschauern deshalb manchmal mehr als das Schicksal des angeklagten Arztes. Und wie Regisseur Lars Kraume die Handlungsstränge gegen Ende zusammenführt, das ist gekonnt.

Weit weg von "Cobra 11"-Effekthascherei

Überhaupt stimmt fast alles im Film. Weit weg von Effekthascherei a la Cobra 11, hat er Tempo, ist spannend und überraschend, muss sich bei Schnitt und Kameraführung nicht vor der Konkurrenz aus den USA oder Skandinavien verstecken. Und er hat Ronald Zehrfeld, der als Dengler die Idealbesetzung ist. Weil er mit einer unglaublichen Physis auftritt, dennoch glaubhaft bleibt, wenn er über komplexe Zusammenhänge spricht. Ein Kopfmensch, der sich auch mal nur auf sein Bauchgefühl verlässt.

Ein echter Glücksgriff ist auch wieder einmal Birgit Minichmayr. Sie spielt eine mysteriöse Hackerin namens Olga, die Dengler zu BKA-Zeiten mal gejagt hat, die ihm nun aber trotzdem hilft, als er nicht mehr weiterkommt. Und die dabei ein wenig wirkt, wie die große Schwester von Stieg Larssons „Lisbeth Salander“. Am Ende, so viel sei verraten, wird nicht alles gut. Aber manches wird besser.

Fazit: Endlich mal wieder ein Thriller aus Deutschland, der diesen Namen auch verdient. Starke Story, noch stärkere Besetzung. In der Form darf Dengler gerne wiederkommen.

Montag, 20. April, ZDF, 20.15 Uhr